Lego – Leseprobe aus Machtspiele

Lego

Aufwachen – Strecken – zu hell hier, viel zu hell. Auf den Bauch drehen und schnell den Kopf ins Kissen graben. Vorher einen Blick in die Ecke werfen, wo sie auf ihrer Bambus­matte den Schlaf der gerechten Subbies schlummert. Wie immer, wenn sie dort schlafen muss, liegt sie in Embryonal­haltung unter Decken, die bis zum Kinn hoch­gezogen sind.
Ob sie wohl träumt? Vielleicht zählt sie mal wieder Doms. Obwohl – das tut sie wohl eher zum Ein­schlafen. Wo andere Schafe zählen, zählt sie laut eigener Auskunft Doms, die auf einer großen, grünen Wiese über einen Zaun hüpfen. Moment mal! Wer sind diese Doms eigentlich? Von welchen Typen träumt meine Sub? Verdammt, wieso ist mir das früher nie aufgefallen?
Den Gedanken werde ich später wieder aufgreifen müssen. Er ist für den früh­morgendlichen Halb­schlaf nicht geeignet, zumal ich von einem zunehmenden Ziehen in meiner Leisten­gegend mehr und mehr abgelenkt bin. Jemand hat dort einen Base­ball­schläger deponiert. Mein Bemühen um Linderung durch Veränderung meiner Lage ist nicht von Erfolg gekrönt. Das Ziehen wächst sich peu à peu zu einem handfesten Schmerz aus. Den flüchtigen Gedanken, mir den Druck von meiner Sub absaugen zu lassen, verwerfe ich. Natursektspiele, so habe ich seinerzeit beschlossen, sind auf primzahlige Jahre zu begrenzen. Im Geiste gehe ich die Zahlen durch, während ich mich aus dem Bett schwinge. 2013? Nein, zum Glück keine Primzahl. 2015 sowieso nicht. 2017? Mist, kann ich so nicht falsifizieren.
Ich setze bei 2021 meinen Fuß auf den Boden. Ein unglaublicher Schmerz fährt in meine Glieder und beendet meine algebraischen Bemühungen abrupt. Ich knicke zur Seite weg, weil etwas meine Ferse durchbohrt hat. Ich kann mich gerade noch abfangen, doch schon bohrt sich etwas in den anderen Fuß. Fluchend tänzle ich auf einem Bein durch das Schlafzimmer, in dem Versuch zu entfernen, was in der Ferse steckt und dort einen Höllenschmerz entfacht. Der Base­ball­schläger, der nun in meinen Shorts steckt, hüpft dabei auf und ab, und ich hopse stöhnend hinterher durch die Tür.

Mit tropfendem Haar stehe ich dreißig Minuten später an der Anrichte, schlürfe meinen ersten Kaffee und sichte das vor mir liegende Beweismaterial: Den Kassenzettel eines Second-Hand Ladens, einen Pappkarton mit dem Bild eines klingonischen Raum­schiffs. Im Karton sind laut Aufdruck 1712 Legosteine. Drei der kleinen olivfarbenen Steinchen, nämlich die, die ich inzwischen aus meinen Füßen gepult habe, liegen vor der Packung. Unter meiner Ferse liegt ein Eispack, aber meine Wut ist längst verraucht und hat einer stummen Bewunderung Platz gemacht.
Unglaublich diese Frau! Das Spielzeug muss sie vor Wochen gekauft haben, um auf einen geeigneten Tag zu warten. Sie hat wach gelegen, bis ich einschlief, sich verbotener­weise erhoben, die Falle vorbereitet. Kein Problem mit der bis zum Bett reichenden Kette. Steinchen für Steinchen hat sie in konzentrischen Kreisen um unser Bett ausgelegt, etwa eine halbe Fußlänge von­einander entfernt. Meine Fußlänge wohlgemerkt! Womöglich hat sie die ganze Nacht wach gelegen, um das Schauspiel ja nicht zu verpassen. ›Dieses Miststück‹, ich grinse in mich hinein, denn das schreit förmlich nach Rache.
›Rache? – Rache, Strafe, Belohnung, ist doch scheißegal! Max, bitte jetzt KEINE Straf­zweck­diskussion!‹, ermahne ich mich. Der Begriff ›Flexible Response‹ kommt mir spontan in den Sinn: ›Eine Doktrin, auf die ich mich einigen kann‹, stelle ich erfreut fest, während ich das Spielzeug sinnierend durch meine Finger gleiten lasse. »Custom Lego Set assembled by GuJugo«, entnehme ich der Verpackung. War mir neu, dass es Firmen gibt, Drittanbieter, die Original-Legosteine zu hoch komplizierten Bausätzen zusammenstellen.
Interessanter als diese Erkenntnis ist allerdings die Vorstellung, wie Subbie stundenlang mit diesen winzigen Bausteinen hantiert, Haare raufend und fluchend. Diesen Bird of Prey zusammen­zu­bauen wird selbstverständlich Teil meiner ›angemessenen Antwort‹ sein, nächste Woche vielleicht, zu profan für heute. Die Botschaft, die sie mir mit Lego­steinen in meinen Fersen zukommen ließ, ist angekommen: »Heute kein Kaffee & Kuchen und auch kein Kultur­programm!« ›Soll sie haben‹, denke ich und freue mich auf ein vergnügliches Wochenende.

Meine Subbie hat sich entschlossen, an ihrer Charade festzuhalten. Als ich die Decke sachte wegziehe, ›erwacht sie‹ spontan, rekelt, gähnt, streckt sich; das volle Programm. Vorsichtig löse ich den hakeligen, aber überaus robusten Splint aus der Arretierung, mit der ihre Kette an der Wand befestigt ist. Kopfschüttelnd denke ich an das Schloss, das in den ersten Wochen hier hing. Ziemlich unverantwortlich für einen Sicher­heits fanatiker mit paranoiden Zügen, besonders einen relativ fantasiebegabten wie mich.
Meine Sub kann sich jederzeit von ihren Ketten befreien, was sie jedoch nur im äußersten Notfall tun wird. Beim bisher einzigen Test hatte sie sich zwei ihrer, wie immer perfekt manikürten Nägel abgebrochen und einen weiteren bis auf das Nagelbett eingerissen. Ich schiebe die Decke zur Seite und betrachte die lackierten Krallen. Der Farbraum, aus dem Kosmetikindustrie und Designer die Bezeichnung ihrer Kreationen schöpfen, ist ein Mysterium für meine maskulin geprägten Hirnwindungen. ›Samtweiß‹ scheint mir angemessen, wenn­gleich die Bezeichnung Protest oder sogar Spott meiner Sub provozieren würde. Auf manchen der samten schillernden Flächen blitzen winzige Edelsteine. Damals, als ich sie unter meine Fittiche nahm, manikürte sie noch selbst, und zwar mit ihren hübschen, weißen Beißerchen, und das ständig. Da ich von Anfang an auf perfekte Nagelpflege bestanden habe, hat sie sich umorientieren müssen. Gegenüber der Methode ›Anknabbern‹ ist ›Samtweiß plus Glitzersteinchen‹ ein klarer Fortschritt, auch wenn ich das Glitzerdesign für etwas zu stylisch halte, fast schon tussihaft. ›Notiz an mich selbst: Von Vetorecht Gebrauch machen!‹ Ist ohnehin überfällig, sonst denkt Subbie, sie kann rumlaufen, wie es ihr beliebt.
Ich stupse einen Finger gegen ihr Knie und gleite den Oberschenkel hinauf, über die verblassenden Striemen des Vortags. Endlich schlägt sie die Augen auf und gibt mir ihren Unschuldsblick, der mir vor allem eines verrät: Sie hat tatsächlich kaum geschlafen. ›Himmel, ist sie schön‹, denke ich ergriffen Das zerstrubbelte Haar, der leicht zerknautschte Kann– kein– Wässerchen– trüben– Blick, Wange und Stirn teilweise überzogen vom Muster der Bambusmatte.
Gut geschlafen, Schatz?«
»Ja Herr, danke Herr!« Antwortet sie mit einem unterdrückten Gähnen.
›96‹, denke ich und starre auf ihre linke, ebenfalls mit Bambusmattenmuster überzogene Brust. Scheinheilig frage ich:
»Möchtest du mir beim Frühstück Gesellschaft leisten, Schatz?«
»Ja klar, Herr«
›93.‹

Ich löse die Kette von ihrem Hals – keine Lust auf Kettengerassel – und führe sie an den Fingern. Das heißt, ich schiebe ihr den Daumen zwischen die Lippen, warte, bis sie aufgestanden ist, und lasse sie hinter mir hergehen. Verliert sie meinen Daumen, dann … naja das werden wir dann sehen.
Spöttisch sieht sie mich an, als wir den Tisch erreichen. »Mit dem falschen Fuß aufgestanden heute?«, fragt sie höhnisch und fügt nach einer Pause hinzu,
»Herr.«
›86!‹
Auf dem Tisch liegt ein Tuch, in das, und das weiß sie natürlich genau, etwas Spielzeug eingeschlagen ist. Daneben der offene Karton mit 1712 Legosteinen; ein Teller, eine Tasse schwarzen Kaffees, drei frischgebackene Croissants, Konfitüre und Frischkäse. Für ein gemütliches Frühstück zu zweit fehlt einiges. Mindestens drei weitere Croissants, ein großer Café au Lait, Butter sowie das obligatorische Glas ihrer geliebten Nugatcreme. Fast bin ich etwas traurig, wird mir doch der überaus entzückende Anblick entgehen, wenn sie auf der mir gegenüberliegenden Seite des Tischs sitzt. Nackt, wie ich sie schuf, an ihren dick mit Nugat bestrichenen Croissants knabbernd und mich über ihren Becher hinweg mit ihren Katzenaugen anfunkelnd. »Willst du nicht Platz nehmen?«, freundlich deute ich neben mich. Ihre Augen verschießen Blitze in meine Richtung, bevor sie sich neben mir auf die Knie begibt. ›Wenn du denkst, dass du mich so klein kriegst, hast du dich geschnitten!‹, manchmal, so auch jetzt, bilde ich mir ein, ihre Gedanken regelrecht hören zu können.

***

Ich genieße mein Frühstück, erfreue mich an der mehr als brillanten Auflösung meines neuen Spielzeugs, eines Nexus, und lese News. Trotz oder gerade wegen der herrlichen Ruhe, eine Folge der 100-Worte-Regel, schweifen meine Gedanken immer wieder ab zu meiner Sub und meinen Plänen mit ihr für den heutigen Tag. Sprachfolter vielleicht? Ich könnte sie Zungenbrecher aufsagen lassen und für jeden Fehler kriegt sie eins drauf.
›Der dreiste Dom drischt seine devote Dienerin?‹, nein, klingt Scheiße und ist zu kurz.
›Dolldreist drischt der dicke Dämeldom die dumme Dienerin? Haha, dumme Dienerin, Dämeldom‹, denke ich entnervt und suche nach Alternativen.
›Distinguierter Dom‹ vielleicht? Und der könnte ›dräuen, drängen, drücken, darben. Darben?‹ »Darben sollst du. Schmeißt den Purschen zu Poden«, schnarrt plötzlich die Synchronstimme Graham Chapmans in meinem Hirn. ›Max, AUS!‹, rufe ich mich zur Ordnung. Mein Gedankenstrom ist längst über die Ufer getreten, aber es besteht durchaus noch die Chance, ihn wieder in vernünftige Bahnen zu lenken, bevor er in ein unendliches Delta mäandert und sich verliert. Ich unter­drücke den Impuls, Reimgenerator und Syno­nym­lexikon auf den Browser des Tablets zu laden, und sehe auf meine Sub herab. Wegen ihres zu einer nervösen Maske erstarrten Gesichts ver­stummen die Stimmen in meinem Hirn, die so wichtige Fragen aufwerfen, wie die, warum ich Zitate aus Life of Brian in Deutsch assoziiere und wer die mindestens zwei Synchronsprecher Graham Chapmans gewesen sein mögen.

Fesselnde Kurzgeschichten rund um das Thema BDSM: Amüsant, intelligent und spannend und mit einem Schuss Erotik.

Cover_Qindie - small

siehe auch:

https://tsbordeme.wordpress.com/2015/03/13/machtspiele/

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