Die Sklavin des Humanisten 08

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Im Schmerz ist so viel Weisheit wie in der Lust: er gehört gleich dieser zu den arterhaltenden Kräften ersten Ranges.
Friedrich Nietzsche (1844–1900)

(25. Februar)

 

Liana versuchte zu erahnen, was Rainer tat. Wegen der verbundenen Augen hörte und fühlte sie alles viel intensiver. War es der schwache Luftzug, der ihre Brust und ihren Bauch streifte, oder war es das leichte Vibrieren des Holzbodens, das ihr sagte, dass er unruhig hin und her ging? Jedenfalls konnte sie keine Schritte hören, aber sie meinte doch zu fühlen, wo er war. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er sie durchschaut hatte, und dass er sie jetzt für ihre Manipulationen bestrafen würde. Das, was er zu tun im Begriff war, schien ihn selbst nervös zu machen.

Ja, sie hatte ihn manipuliert, musste sie zugeben. Aber gezwungenermaßen. Er hatte sich nicht wie ein Herr benommen, sondern mehr wie ein moderner Candide. Ein Lebenstheoretiker, der die Welt mit einer Mischung aus Naivität und Bücherwissen betrachtete. Sie wusste, dass er bis weit ins Erwachsenenalter mit seiner Mutter zusammengelebt hatte. Was hätte sie mit so jemandem anfangen sollen?

Jetzt aber war auf einmal eine neue Seite zum Vorschein gekommen. Gut, dies kam wohl doch nicht so überraschend. Rainer hatte sich in den letzten Tagen fast jeden Abend nach der Arbeit mit Literatur über BDSM beschäftigt. Welchen Film er vorhin gesehen hatte, wusste sie nicht, da sie nichts gesehen und gehört hatte, aber das war wohl der letzte Auslöser gewesen.

Fürchtete sie sich? Sie wusste es nicht genau, doch sie fühlte diese ganz besondere Spannung, nach der sie gierte, wie eine Süchtige nach ihrer Droge, trotz des Herzrasens und der krampfartigen Bauchschmerzen, die sie dabei peinigten. Angst–Lust nannte sie diesen Zustand. Sie hörte das Knarren einer Lade oder einer Tür. War er am Sideboard? Was würde er herausholen? Sie kannte den Inhalt dieses Schrankes sehr genau. Die Angst ließ ihre Knie weich werden, und das Warten wurde ihr immer schwerer. Rainer war unerfahren. Würde er sie mit der Bullwhip schlagen? Ihr möglicherweise Verletzungen zufügen, die sie dann für den Rest ihres Lebens tragen musste? Liana fühlte, wie ihre Muskulatur sich verhärtete, und versuchte vergeblich, sich zu entspannen.

Sie liebte Rainer nicht. Wie hätte sie ihn lieben können? Ihre Liebe gehörte Alain. Doch Alain hatte ihr befohlen, Rainers Sklavin zu werden.

Dann hörte sie ein kurzes Zischen und fühlte einen scharfen Schmerz auf ihrem Po. Das Klatschen von Holz auf ihrer Haut. Sie biss die Zähne zusammen, kein Laut drang aus ihrem Mund. Es war der Rohrstock. Er hatte nicht mit voller Kraft zugeschlagen, aber doch so, dass der Schmerz sie durchzuckte. Kurz darauf der zweite Schlag, mit ähnlicher Kraft geführt, auf die andere Seite. Weitere vier Schläge kamen kurz nacheinander in derselben Intensität. Sie atmete auf. Rainer schlug nicht sehr hart. Er war eben weich, dachte sie mit einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung.

Doch nach diesen sechs Hieben sagte er leise, aber deutlich: »Das war zum Aufwärmen. Jetzt werde ich dir zehn Streiche geben, um dich für deine Unverschämtheiten der letzten Tage zu bestrafen.«

Liana fühlte, wie ihr der Schweiß ausbrach, und wie sie Gänsehaut bekam. Sie würde das Safeword nicht sagen, da war sie sicher. Den Rohrstock konnte sie ertragen. Da sauste schon der erste Hieb nieder. Viel stärker als die Vorigen, mitten auf ihre linke Hinterbacke, begleitet von bösartigem Zischen und einem lauten Klatschen. Der Schmerz zuckte wie ein elektrischer Schlag von ihrem Hintern bis in die Zehen und bis in den Hals. Es gelang ihr, den Schrei zu unterdrücken.

Danach fühlte sie das vertraute Abklingen des Schmerzes. Dieser wurde abgelöst von einem Brennen, das in Wärme überging. Wärme, die sich in ihrem Unterleib ausbreitete. Und schon traf sie der zweite Schlag, auf die andere Pobacke, und löschte das vorherige Gefühl wieder aus. Sie schrie nicht, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

Sie liebte Rainer nicht. Aber immerhin sah es so aus, als könne er sich Respekt verschaffen, dachte sie, als die vertraute Wärme nach dem Schmerz sich in ihrem Leib ausbreitete. Sie konnte sich Rainer körperlich hingeben, das wusste sie ja schon. Aber wäre auch eine seelische Hingabe möglich? Könnte etwas anderes als der Wunsch, Alains Willen zu erfüllen, sie an Rainer binden?

Der dritte Schlag schien nicht nur den Po, sondern irgendwie auch das Zentrum ihrer Lust zu treffen. Sie fühlte die Wärme und sie wusste, es würde auch Nässe auftreten.

»Alain!«, dachte sie, als der vierte Hieb kam. Wenn nur ihre Beine nicht so gespreizt fixiert wären, wenn sie nur eine Hand frei hätte, dann könnte sie sich jetzt Erleichterung verschaffen. Gleichzeitig wusste sie, dass sie es doch nicht tun würde. Noch hatte der Rohrstock nicht all ihre trüben Gedanken vertrieben.

Liana konnte sich nicht an ihre Kindheit und Jugend erinnern. Wirklich nicht. Alles versank im Dunkel. Alain war der Erste gewesen, der ihr geglaubt hatte. Und der es auch akzeptiert hatte. »Es ist unwichtig«, hatte er sie beruhigt. »Es zählt nur das Jetzt und die Zukunft.« In einer Zeit, in der alte Gewissheiten verschwanden, in der Religion und Ethik einem zunehmend fanatischen technokratischen Solutionismus weichen mussten, war Alain ein ruhiger, prinzipientreuer Fels in der Brandung geblieben, obwohl er sich der Moderne keineswegs verschlossen hatte, wie die Einrichtung seines Hauses bewies.

Den fünften und sechsten Schlag nahm Liana kaum wahr, so war sie von den Gedanken an die erste Zeit mit Alain absorbiert. Sie hätte es nie für möglich gehalten, dass man so lieben kann. Nichts hatte mehr Bedeutung gehabt, außer ihm. Wenn er ihr befohlen hätte, sich vor den Zug zu werfen, sie hätte es getan. Aber er hatte etwas viel Schwierigeres von ihr verlangt.

Der siebte Schlag holte sie in die Gegenwart zurück. Rainer hatte etwas tiefer gezielt und den Oberschenkel getroffen, der bisher noch unberührt gewesen war. Ein scharfer, reißender Schmerz zeigte an, dass die Haut aufgeplatzt war. Liana schwitzte immer stärker. Ihr Atem ging stoßweise.

»Willst du dein Safeword sagen?«, fragte Rainer unsicher.

Sie schüttelte nur den Kopf. Sie liebte Rainer nicht. Doch er hatte nun eine Saite in ihr zum Klingen gebracht, die sie nicht ignorieren konnte. Rainer vermochte es, ihre dunkle Lust zu wecken. Sie wusste, dass diese Strafe, die sie nun erhielt, eine viel stärkere Wirkung auf ihr zukünftiges Verhältnis haben würde, als ihr erster Sex, ihre Gespräche, ihre Lese– und Filmabende. Es war nun, ab diesem Moment, unwiderruflich nicht mehr sie, die die Führung hatte.

Der achte Schlag war eine Explosion des Schmerzes. Er traf eine Stelle, die schon zu viel gelitten hatte, und doch raste neben und nach dem glühenden Schmerz ein zweites, größeres Tier durch ihren Körper: das Raubtier ihrer Lust. Viel schwerer zu bändigen war es, als der Schmerz, und viel nachhaltiger wirkte es. Liana wimmerte und keuchte. Der Schweiß lief in Strömen an ihrem Körper herab, tropfte von den erigierten Spitzen ihrer Brüste zu Boden, sammelte sich in ihrer Poritze und vereinigte sich zwischen den Beinen mit der Feuchtigkeit ihrer Lust. Sie zerrte an ihren Fesseln und versuchte, die Oberschenkel gegen die Fesselung zusammenzupressen, als der neunte Hieb niederklatschte und einen Krampf in ihrer Rücken– und Gesäßmuskulatur verursachte, der ihren Körper in einen Halbkreis nach hinten gebogen hätte, wenn ihre Fesseln das nicht verhindert hätten. Danach schoss das Blut mit solcher Gewalt in ihren Unterleib, dass sie einen Schmerz–Lust–Schrei nicht verhindern konnte.

»Ich habe dir befohlen, zu schweigen!«, zischte Rainer mit dem Gesicht dicht an ihrem Ohr und packte sie am Hals. Sie atmete nur noch schwerer und sagte nichts. Sie wartete, erhoffte, befürchtete den zehnten Schlag und allein das Warten darauf ließ ihre Lust womöglich noch weiter ansteigen. Ihre Gedanken waren ausgelöscht. Sie konnte nur noch fühlen.

Endlich klatschte der zehnte Hieb, auf ihren wunden Po und presste alle Luft in einem heftigen Keuchen aus Lianas Lungen. Schnell band Rainer sie los, packte sie am Halsreif und schob sie zur Sitzbank, wo er sie nach vorn drückte. Sie verstand und kniete auf die Sitzfläche, legte den Oberkörper auf die Rückenlehne. Kaum war sie in Position, rammte Rainer seinen Penis bis zum Anschlag in sie. Das war nicht der Sex zweier Liebender. Es war nicht einmal eine Vereinigung der Lust. Nein, dies war ein reiner Dominanz–Fick. Der Herr machte seiner Sklavin ihre Position klar. Und doch, oder vielleicht auch gerade deswegen, explodierte Liana mit einer lange nicht mehr erlebten Gewalt und schrie ihren Orgasmus hinaus, kurz bevor Rainer sich in ihr entlud.

Danach griff er ihr unsanft ins Haar und zerrte sie vor sich auf die Knie, wo sie seinen Penis sauber leckte. Anschließend band er sie mit einer sehr kurzen Kette am Halsreif an einer der Ösen am Boden fest, setzte sich wieder auf die Couch und setzte den Film fort. Jetzt war es ihm offenbar gleichgültig, dass sie mithören konnte. Die Augen allerdings hatte er ihr verbunden gelassen. Ob absichtlich, oder ob er einfach nicht daran gedacht hatte, wusste sie nicht. Sie lag auf dem Bauch, fühlte ihren schmerzenden Hintern, ihre brennende Möse und ihre klebrige Haut. Sie fühlte sich benutzt. Missbraucht. Sie fühlte sich entspannt.

Als der Film endlich fertig war, erhob sich Rainer, befreite Liana von der Kette und der Augenbinde. Er half ihr aufzustehen, streichelte sanft über ihr Gesicht und das Haar. Dann küsste er sie zärtlich und sagte: »Komm, wir wollen duschen gehen.«


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2 Gedanken zu „Die Sklavin des Humanisten 08“

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