Die Sklavin des Humanisten – 07

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Eine auserlesene Büchersammlung ist der vortrefflichste Hausrat.
Francesco Petrarca, (1304–1374)

(25. Februar)

 

Selbstverständlich enthielt Alains Bibliothek auch Dominique Aury. Dominique Aury war das Pseudonym einer französischen Lektorin namens Anne Desclos, unter dem sie als Schriftstellerin, Kritikerin und Übersetzerin tätig war. Ihren Welthit hatte die vielseitige Desclos allerdings unter einem weiteren Pseudonym gelandet: Pauline Réage. Aus Wut, weil ihr Geliebter behauptet hatte, eine Frau könne keinen erotischen Roman schreiben, verfasste sie in unzähligen nächtlichen Stunden ein Werk, das ab 1954 zu einem Weltbestseller wurde, obwohl es in vielen Ländern, auch dem Ursprungsland Frankreich, auf dem Index stand: ›Historie d’O‹. Einen weiteren, noch größeren Bekanntheitsschub erlangte Réage mit der Verfilmung des Buches 1975 als ›Die Geschichte der O‹. Wohl kein anderes Werk der Weltliteratur hat in ähnlicher Weise eine ganze Subkultur befeuert und inspiriert wie ‚O‘ die BDSM Szene. Desclos starb 1998 im stolzen Alter von 91 Jahren.

Alain hatte sowohl das Buch als auch den Sequel »Rétour à Roissy«, sowie sämtliche Verfilmungen und spin–offs derer er habhaft werden konnte, in seiner Sammlung aufgenommen.

Als Literaturkenner und Bibliothekar kannte Rainer das Werk selbstverständlich. Er hatte es auch gelesen, und, wie er sich erinnerte, war er über die Erektion erschrocken, die er bei manchen Szenen bekommen hatte. Er hatte das Buch darum mehr als einmal wieder weggelegt, nur um es einige Zeit später wieder hervorzuholen und weiterzulesen, streng darauf achtend, dass seine Mutter es nicht zu Gesicht bekam. Die Frage, ob dieses Buch reine Fiktion war, oder ob es vielleicht doch eine von einigen Menschen gelebte Realität beschrieb, hatte ihn lange Zeit beschäftigt. Den Film allerdings hatte er nie gesehen. Er hätte es nicht gewagt, ins Kino zu gehen, wo ihn womöglich ein Bekannter hätte entdecken können. Dies gedachte er, nun nachzuholen.

Wie immer, seit Rainer vor einigen Tagen hier eingezogen war, kniete Liana sich zu seinen Füßen nieder, als er sich auf dem bequemen Sofa gegenüber des Bildschirms niederließ. Die Bedienung der Mediathek bereitete ihm inzwischen keine Probleme mehr. Doch diesmal störte ihn die Anwesenheit der Frau. Er wollte den Film nicht unter ihren Augen ansehen, wurde ihm plötzlich klar. Er hatte Angst, bei den härteren Szenen zu erröten oder dem Blick seiner Sklavin nicht standzuhalten. Also befahl er ihr, den Raum zu verlassen. Sie zögerte, wirkte unglücklich, bis sie sich endlich ein Herz fasste: »Herr, darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?«

Rainer realisierte nicht, was für eine Unverschämtheit dieses Zögern und diese Antwort auf seinen direkten Befehl eigentlich war, und fragte nur zurück: »Was?«

»Einen Moment bitte.« Sie eilte hinaus und kam kurze Zeit später zurück. In der Hand hatte sie eine Augenbinde, Ohrenstöpsel, eine Rolle Heftpflaster, einen Ballknebel, Handschellen und eine Kette. »Herr, so kann ich nichts hören und sehen. Wenn Sie möchten, verhindert der Knebel auch, dass ich etwas sage, und mit der Kette können Sie verhindern, dass ich mich bewege. Auf diese Weise könnte ich bei Ihnen bleiben, ohne Sie zu stören.« Dabei blickte sie ihn so treuherzig aus ihren großen Augen an, dass er nicht widerstehen konnte.

»Ist das denn wirklich schalldicht?«

»Ja, Herr.« Damit schob sie sich die Ohrenstöpsel in die Gehörgänge und fixierte sie mit je einem Stück Heftpflaster. Dann reichte sie Rainer die Augenbinde und den Knebel. Letzteren betrachtete er zunächst kritisch. Ein Ball mit einem durchgezogenen Riemen.

»Du wirst ja schweigen, wenn ich es dir befehle, oder? Dann brauchen wir das nicht.«

Sie blickte nur verständnislos und deutete auf ihre Ohren.

»Stimmt, du hörst ja nichts«, meinte er und legte ihr ein wenig ungeschickt die Augenklappe an. Dann startete er den Film.

Nach einiger Zeit beugte er sich vor und zog die unbeweglich kniende Liana am Halsband näher zu sich, sodass sie sein Bein berührte. Er streichelte sie, und sie legte ihren Kopf auf seinen Oberschenkel. Eine Zeit lang blieben sie so, der Herr seine blinde und taube, an ihn geschmiegte Sklavin kraulend und streichelnd, während er die Hingabe und Qual der O auf sich wirken ließ. Die Wirkung war diesmal viel realer, als beim Roman. Einerseits wegen der Kraft der Bilder und der großartigen Corinne Cléry, andererseits auch wegen der ganz offensichtlich zu dieser Fantasie passenden Frau zu seinen Füßen. So konnte eine heftige körperliche Reaktion nicht lange ausbleiben, und nach einem fast eine halbe Stunde dauernden inneren Kampf, während dem er sich immer weniger auf den Film konzentrieren konnte, öffnete er schließlich den Reißverschluss und ließ seinen Penis herausspringen. Dann dirigierte er Liana mit der einen Hand im Haar und mit der anderen am Halsreif zwischen seine Beine, und sobald ihr Gesicht sein Glied berührte, begann sie ihn zu lecken und zu blasen.

Diesmal verstand Rainer es besser, seine Lust zu zügeln. Mit einer Hand in ihrem Schopf dirigierte er ihr Tempo und versuchte, so gut es ging, dem Film zu folgen. Und dann, während er versuchte, sich gleichzeitig auf seine Mitte und auf den Bildschirm zu konzentrieren, erlebte er plötzlich einen Moment der Klarheit. Es wurde deutlich, was ihm an der ganzen Situation missfiel. Abrupt schaltete er den Film ab und stand auf, Liana am Halsband mit sich hochziehend. Er zog das Heftpflaster ab und entfernte die Ohrenstöpsel, ließ die Augen aber verbunden.

»Ich will mit dir sprechen Liana«, sagte er ernst.

»Ja?«, antwortete sie unsicher. Er ging vor ihr hin und her und sie folgte mit dem Kopf seinen Schritten, ohne ihn aber zu sehen. Schließlich stieß er hervor: »Du funktionierst nur. Ich weiß nicht, was du willst und was du fühlst.«

»Ich bin eine Sklavin, Herr.«

»Aber du benimmst dich nicht wie eine Sklavin«, versetzte er.

Sie errötete leicht und senkte dann den Kopf. »Ich verstehe nicht, Herr«, sagte sie tonlos.

Er ging um sie herum und griff ihr unvermittelt von hinten ins Genick, worauf sie erschrocken zusammenzuckte. Ganz nah brachte er seinen Mund an ihr Ohr und zischte: »Du treibst dein Spiel mit mir, Liana. Du manipulierst mich. Du warst es, die hier die Regie führte. Bis heute. Alles geschah so, wie du es dir ausgedacht hattest. Ich war deine Marionette!«

Liana sagte nichts. Was hätte sie auch sagen sollen?

»Hast du mich gehört?«, fragte Rainer, mit der freien Hand um sie greifend und ihre Brustwarze fassend.

»Ja, Herr.« Ihr Atem hatte sich deutlich beschleunigt, sie stand unbeweglich, doch konnte ein leichtes Schwanken nicht verhindern. Rainer ließ sie plötzlich los, sodass sie einen kleinen Schritt machen musste, um nicht zu stürzen. Er strich mit der flachen Hand ihren Rücken herab, bis zur sanften, prallen Rundung ihres Po. Dort gab er ihr unvermittelt einen kurzen, heftigen Klaps. Sie schrie auf, eigentlich mehr vor Schreck als vor Schmerz und erhielt sofort einen noch stärkeren Klaps auf die andere Hinterbacke. Dann führte er sie an die Stelle, wo Ringe in der Decke und dem Fußboden eingelassen waren. Dort ließ er sie stehen und holte Riemen und Stricke aus dem Sideboard, mit denen er sie an den Ringen befestigte. Sie leistete keinen Widerstand. Ihre Augen waren noch immer verbunden. Rainer streichelte ihr das Gesicht und sagte: »Dein Safeword ist: ‚Speranza‘. Sag dieses Wort, wenn du musst, aber ansonsten: schweig!« Sie nickte, schwer atmend.

Nun holte Rainer aus dem Sideboard einen Rohrstock.

 

 


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