Die Sklavin des Humanisten – 06


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Wer nicht ein wenig Leid zu ertragen weiß, muss damit rechnen, viel zu leiden.
J. J. Rousseau (1712–1778)

(18. August)

 

Nachdem er in aller Ruhe die Zeitung fertig gelesen und sich mit Brötchen und Kaffee gestärkt hatte, machte sich Rainer auf den Weg in den Keller. Es war ihm durchaus bewusst, dass er der Sklavin nur einen einzigen Bissen Brot und einen Schluck Kaffee gegeben hatte. Unten erwartete sie ihn, gegenüber der Tür kniend, die Hände mit den Handflächen nach oben auf den Oberschenkeln ruhend, die im 45°–Winkel gespreizt den Blick auf die Scham freiließen. Den Rücken hielt sie sehr gerade, den Blick gesenkt, auch als er eintrat. Ihre Brustwarzen waren hart und eine leichte Gänsehaut überzog ihren Oberkörper, obwohl es durchaus nicht kalt war. Rainer ging, ohne sie zu beachten, an ihr vorbei. Liana rührte sich nicht und blickte sich auch nicht um, als er den Schrank öffnete und eine Weile darin herumkramte. Dann trat er hinter sie und legte ihr eine Augenbinde an. Folgsam öffnete sie den Mund, als er ihr den Ballknebel an die Lippen hielt.

»Nadu2«, befahl er dann, und sofort legte sie die Hände auf den Rücken, sodass er die Lederriemen an den Handgelenken mit einem Karabinerhaken miteinander verbinden konnte. Schließlich befestigte er eine Hundeleine am Halsreif und zog Liana hinter sich her zu der kleinen Tribüne im Zentrum des Kellers. Dort zwang er sie erneut auf die Knie, verband die Fußgelenke mit einer Kette miteinander und mit den Handgelenken. Er fixierte die Hundeleine an einer Öse am Boden, schaltete die Scheinwerfer an und richtete sie auf die einsam und bewegungsunfähig auf der Bühne kniende Sklavin. Dann setzte er sich ihr gegenüber auf die Bank. Er liebte es, sie so in Ungewissheit warten zu lassen. Er konnte die Mischung aus Angst und Lust förmlich riechen, die sie dann durchströmte. Und heute, in der nachdenklichen und leicht melancholischen Stimmung, in der er sich befand, konnte er sich sowieso schlecht entscheiden, was er mit ihr machen wollte. So ließ er sie eben warten und hing seinen Erinnerungen nach.

 

 

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We all make rules for ourselves. It’s these rules that help define who we are. So when we break those rules, we risk losing ourselves and becoming something unknown.
Dexter Morgan in ‚Dexter‘

 

(12. Februar)

 

Sie waren kaum fertig mit dem Frühstück, da klingelte es an der Tür. Rainer konnte sich vorstellen, wer es war. Der Anwalt seines Onkels hatte ihn am Vorabend bereits telefonisch gewarnt. Liana sprang auf, nahm einen Tablet–Computer von der Anrichte, tippte kurz darauf herum und zeigte ihn ihrem Herrn. Auf dem Bildschirm erschien der Eingangsbereich des Hauses. Dort stand ein elegant gekleideter Mann, der von zwei Frauen in Pelzmänteln begleitet wurde. Alle drei schauten freundlich lächelnd genau aus dem Bildschirm heraus. Offensichtlich wussten sie, dass sie gefilmt wurden, und wo die Kamera war.

»Fred«, sagte Liana leise und blieb mit gesenktem Blick stehen.

»Bleib hier«, befahl Rainer und ging die Treppe hinunter zur Tür. Er prüfte den Sitz seiner Kleidung, strich sich über die Haare, straffte seinen Körper und öffnete die Tür. Der Mann draußen lächelte ihn jovial an und überreichte ihm mit schwungvoller Geste eine Visitenkarte. »Friedrich P. Martens, Luxusfahrzeuge und Accessoires«, stand darauf.

»Ich bin dein Vetter Fred«, sagte er überflüssigerweise. »Du hast ja bestimmt schon von mir gehört. Darf ich mit meinen Accessoires hereinkommen?« Ohne die Antwort abzuwarten, drückte er kräftig gegen die Tür und drängelte herein, die beiden Frauen folgten ihm dicht auf. Rainer trat überrumpelt einige Schritte zurück und musterte die Eindringlinge wortlos. Die schwarzhaarige Frau trug einen hellen Rotfuchs, die Weißblonde einen dunklen Nerz. Rainer verabscheute Pelzmäntel, aber er musste zugeben, dass die Wirkung hier toll war. Beider Haare waren kunstvoll in Finger Waves gelegt und mit Bändern gehalten. Sie waren blass geschminkt, mit kontrastierendem dunkelrotem Lippenstift, kräftigem Wangenrouge und dunkel umrandeten Augen. Der Mann trug einen kecken Errol–Flynn–Schnurrbart, eine glatte kurze Gelfrisur und einen dunklen Flanellmantel. Eigentlich fehlten der Szene nur noch die passenden Charleston–Rhythmen, um die zwanziger Jahre wieder aufleben zu lassen.

»Wenn die Inspektion zufriedenstellend ausgefallen ist, könntest du uns doch ganz hereinbitten«, schlug Fred mit ironischem Unterton vor. »Wir werden keine silbernen Löffel stehlen, versprochen.« Die beiden Frauen kicherten leise, verstummten aber sofort, als Fred ihnen einen kurzen Blick zuwarf.

»Also gut, kommt herein«, sagte Rainer schließlich und half der Blondine aus dem Mantel. Beinah hätte er den Nerz fallen lassen, als er erkannte, dass sie darunter – bis auf die kniehohen Stiefel – nackt war. Er wandte seine Augen schnell ab und fühlte, wie er errötete. Das war auch Fred nicht entgangen, der die Gelegenheit zu erneutem Spott nicht ungenutzt verstreichen ließ: »Ich nehme doch an, du hast schon einmal eine Frau so gesehen, wie Gott sie schuf, lieber Vetter. Diese hier hat allerdings noch ein paar Verbesserungen«, schwadronierte er und griff Lu an den Ring, der durch ihre linke Brustwarze gepierct war. Unterdessen hatte Su selber ihren Mantel abgelegt und half Fred aus dem Seinen.

Fred trug einen eleganten, einwandfrei sitzenden Zweireiher und eine dezente Krawatte über einem blütenweißen Hemd. Ohne weitere Umstände öffnete er die Tür und ging voraus ins Wohnzimmer. Er schien sich im Haus auszukennen. Im Salon setzte er sich auf den Sessel an der Stirnwand, seine beiden Sklavinnen knieten sich rechts und links davon auf den Boden. Rainer kam etwas verdattert hinterher und setzte sich auf die Zweierbank gegenüber von Fred.

»Nun, deine Sklavin könnte uns vielleicht einen Kaffee bringen, nicht? Du brauchst sie nicht zu verstecken, ich kenne sie bereits sehr gut, in– und auswendig gewissermaßen«, sagte Fred mit diesem spöttischen Unterton, für den Rainer ihm am liebsten die Fresse poliert hätte. Aber Rainer war kein Mann der Gewalt. Außerdem sah Fred recht kräftig und durchtrainiert aus.

»Liana«, rief er darum halblaut ins Treppenhaus und war nicht wirklich erstaunt, dass die Angesprochene sofort antwortete: »Ja Herr?«

»Bring uns bitte Kaffee. Für dich auch.«

»Ja, Herr. Sofort.«

Rainer setzte sich wieder, und einige Minuten lang schaute er unbehaglich zu Boden. Die beiden Sklavinnen, die ihm gegenüber am Boden knieten, hielten ebenfalls den Blick gesenkt, den Oberkörper aber sehr gerade, die Hände auf dem Rücken. Rainer konnte nicht verhindern, dass sein Blick immer wieder zu den beiden Frauen schweifte, und er musterte sie verstohlen. Als Rainer seinen Blick von Su löste und aufblickte, begegnete er dem spöttischen Blick von Fred.

Endlich erschien Liana, auch sie nackt, mit einem Tablett, auf dem zwei Tassen und drei flache Schalen standen. Offenbar hatte sie die Wartezeit genutzt, um sich von den Resten des Frühstücks zu reinigen. Die Tassen servierte sie vor Fred und Rainer, zwei der Schalen stellte sie vor Su und Lu auf den Boden, die dritte neben Rainers Sessel, und kniete sich anschließend dorthin, in derselben Haltung wie die anderen Frauen.

»Nun wollen wir über unsere Erbschaft sprechen«, begann Fred endlich, nachdem alle von ihrem Kaffee genippt hatten.

»Unsere?«, entgegnete Rainer.

»Ja, unsere. Du hast das Haus und das Geld deines Onkels geerbt, das ist klar. Da habe ich gar nichts dagegen einzuwenden, und ich werde dir bestimmt nichts davon streitig machen. Ich bin ja kein so armer Schlucker wie du.« Damit ließ er seinen Blick verächtlich über Rainers einfache Kleidung streifen. »Aber die Sklavin, die haben wir gemeinsam geerbt, lieber Vetter«, schloss er, auf Liana weisend.

»Du weißt genau, dass es hierzulande keine Sklaverei mehr gibt«, versetzte Rainer scharf. In dieser Sache fühlte er sich sicher und würde sich nicht einschüchtern lassen. »Liana betrachtet sich freiwillig als Sklavin, aber sie kann jederzeit aufstehen und gehen. Sie ist gleichberechtigt!«

»Ah, du meinst gleichberechtigt, so wie in ‚Liberté, Égalité, Pfefferminztee‘ und alles so‘ n Scheiß? So die hehren Ideale der Französischen Revolution? Einer deiner Philosophen? Nun, dann habe ich eine Überraschung für dich. Liana, fühlst du dich frei und gleichberechtigt?«

»Nein«, entgegnete Liana sofort.

»Willst du denn gern frei und gleichberechtigt sein?«

»Nein.«

»Warum denn nicht?«, fragte Rainer bestürzt. Sie blickte ihn an und sagte fest: »Ich bin Besitz, Herr. Ich habe mich Alain geschenkt.«

»Alain ist tot!«

»Meine Bindung an ihn wirkt über den Tod hinaus, Herr«, sagte sie ehrerbietig, aber bestimmt. »Und ich werde Besitz seines Erben. Mein Gehorsam ist freiwillig, und darum absolut.«

»Das klingt nach Machiavelli«, brummte Rainer.

»Ja, Herr«, bestätigte sie.

»Lasst uns endlich zur Sache kommen«, rief Fred ungeduldig. »Liana hat sich Alain gegenüber den Regeln des Code Noir unterworfen. Dieser sagt ausdrücklich, dass Sklaven beim Tod des Herrn unter den Erben aufzuteilen seien. Ich schlage vor, dass wir das so regeln, dass jeder von uns Liana abwechselnd einen Tag nimmt, solange bis einer von uns genug von ihr hat. Für dich hat das den Vorteil, dass ich mich auch um die Erziehung kümmere, du weißt doch gar nicht, wie man mit einer Sklavin umgehen muss.«

»Du bist verrückt«, versetzte Rainer. »Wieso sollte ich auf so etwas eingehen? Ich bin der Alleinerbe. Du hättest nur Ansprüche, wenn ich das Erbe ausschlagen würde.«

»Vielleicht wäre es gesünder für dich, wenn du es ausschlagen würdest«, sagte Fred mit einem leicht drohenden Unterton, fuhr dann aber gleich fort: »Ach was, weißt du, ich will lieber eine gütliche Lösung. Pass auf.« Er schnippte mit den Fingern, und als Su und Lu ihn ansahen, wies er auffordernd auf Rainer. Sofort standen die beiden auf und stellten sich dicht vor diesem auf. »Fühl mal, Vetter. Das sind zwei leckere Schnepfen. Und sie sind beide besser im Bett als Liana. Das kannst du mir glauben. Wir machen das so: An den Tagen, an denen Du mir Liana ausleihst, bekommst du dafür eine von den beiden. Na, ist das ein Angebot?«

 

 


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