Salomé: Die Geschichte von Joëlle

picture-6609Einige von Euch haben sich vielleicht gefragt, wer ist diese Salomé eigentlich. Andere wussten oder ahnten es vielleicht. Salomé war Sonja, die meine Ko-Autorin in den E-Books Gebunden und Limit  war.
Salomé war immer der Meinung ihre Texte seien ihr Vermächtnis. Und dieses Vermächtnis möchte ich hier auf dem Blog pflegen und bewahren. Deshalb werde ich ab sofort jede Woche einen ihrer Texte publizieren. Nach und nach werdet ihr also in den Genuss all ihrer Texte kommen, sowohl der fiktionalen wie auch der biographischen, wobei diese Grenze bei ihr oft fließend war. Im ersten, semifiktionalen Text geht es um ihre Mutter.


Die Geschichte von Joëlle

von Salome M.

Joëlle war ein Mädchen aus gutem Haus. Sie wurde 1957 in Yverdon-Les-Bains geboren, einem kleinen Städtchen im französisch sprechenden Teil der Schweiz. Ihr Vater war leitender Angestellter von Leclanché, sie wohnten in einem großen Haus am Neuenburger See, dem Lac de Neuchâtel. Die wilde Zeit der 68er bekam sie als Kind vor allem aus der Sicht des reichen Bürgertums mit, also als Bedrohung. In der Pubertät wandte sie sich prompt den aufrührerischen Ideen zu und focht manchen Streit mit ihrem Vater aus.

So weit, so normal.

Mit 16 oder 17 ließ sie sich in Lausanne anfixen. Und von da an galt ihr Leben dem Heroin. Sie verbrachte ihre Freizeit zunehmend auf der Strasse. In Yverdon gab es keine Drogenszene, deswegen war sie bald mehr in Lausanne und Bern, als zuhause. Schliesslich reichte auch ihr eigentlich überaus großzügiges Taschengeld nicht mehr, und sie begann, ihre Eltern zu beklauen.

Als diese dahinterkamen, gab es ein gewaltiges Donnerwetter, und der Haussegen hing einige Zeit ziemlich schief. Mit den vereinten Kräften von Lehrern, Ärzten, Pfarrer, Gemeindepolizisten und so weiter, versuchte man im damals noch völlig drogenunerfahrenen Yverdon, die junge Joëlle auf den rechten Weg zurückzubringen, und gleichzeitig den Fehltritt der Tochter aus einem der besten Häuser geheimzuhalten. Eine Weile schien es zu klappen, aber das Heroin siegte.

Eines Nachts räumte Joëlle die Schmuckkassetten ihrer Mutter leer, klaute alles Bargeld von ihren Eltern und ihren beiden Brüdern, das sie finden konnte, und verließ das Haus für immer. Ihr Ziel war Zürich, das Mekka der 68er- Subkultur und gleichzeitig das Mekka der Drogensüchtigen, die man damals noch an wenigen Händen abzählen konnte

Joëlle kam also nach Zürich und quartierte sich in einer Hippie-WG ein. Das Geld und die geklauten Sachen reichten einige Zeit für ein ziemlich sorgloses Leben. Dass das Geld irgendwann zu Ende sein könnte, daran dachte sie nicht. Irgendwann, als sie nicht mehr viel hatte, lernte sie Ben, einen jungen Holländer kennen, der nach seinem Abitur durch Europa zog. Die beiden waren sich sympathisch und Joëlle machte ihm den Fremdenführer in der Schweiz. Natürlich, die beiden waren jung und es war die Zeit nach der Pille und vor AIDS, schliefen sie miteinander.

Allerdings hatte Joëlle in diesen Wochen die Pille nicht sehr zuverlässig eingenommen. Zuverlässigkeit war eben nie ihre Stärke gewesen und wurde es auch später nie. Wie auch immer, die Droge siegte mal wieder. Joëlle konnte nie einen Tag ohne ihren Schuss sein, und Ben war davon abgestoßen. Als Amsterdamer hatte er schon mehr Erfahrung über die vernichtende Wirkung von Heroin, als Joëlle in der beschaulichen Schweiz. Er zog also weiter, gab ihr aber seine Adresse. Irgendwie hoffte er, sie würde zur Vernunft kommen, und vielleicht zu ihm reisen.

Das geschah aber nie. Stattdessen merkte sie, dass sie schwanger war. Natürlich wollte sie das Kind abtreiben, aber es war zu spät. Sie hatte erst im vierten Monat gemerkt, dass sie schwanger war. Sie hasste das Kind, das da in ihr heranwuchs und sie tat alles, um es zu vernichten. Sie spritzte vielleicht noch mehr Heroin als je zuvor, das sie sich inzwischen wohl auf dem Strich verdiente. Aber das Baby war zäh. Kurz nach Joëlles 19. Geburtstag kam es zur Welt. Im Universitätsspital Zürich, wo es sofort auf die Säuglings-Intensivstation musste, weil es im Heroinentzug war. Joëlle nannte das Mädchen Salomé und entwickelte sogar Muttergefühle.

In der Schweiz war es üblich, dass ein vaterloses Kind automatisch einen Amtsvormund bekommt, dessen Aufgabe es ist, die Mutter und das Kind zu unterstützen. Als Vormund wird nicht jemand ernannt, der das irgendwie gelernt hat, sondern einfach ein gestandener Bürger, der sich dazu bereit erklärt. In diesem Fall traf es den braven Züricher Metzgermeister Reto L., der selber Vater von drei Kindern war. Er nahm sein Amt ernst und brachte Joëlle auch dazu, ihm zu sagen, wer vermutlich der Vater des Babys war.

Inzwischen hatte bei Joëlle aber mal wieder das Heroin gesiegt. Nach einigen Tagen begann sie, tagsüber das Krankenhaus zu verlassen, um sich mit Drogen vollzupumpen. Eines Abends, als sie nach ihrer Tochter sehen wollte, stand Reto mit einem Amtsbeschluss da und teilte ihr mit, dass ihr das Sorgerecht vorläufig entzogen sei.

Nachdem Joëlle das Sorgerecht verloren hatte, nahm Reto die kleine Salomé erst einmal zu sich nach Hause. Seine Frau war nicht sehr begeistert, denn erstens hatte sie schon drei Kinder zwischen acht und zwei Jahren und zweitens war Salomé kein einfaches Baby. Sie schrie viel, schlief selten durch, wollte nicht recht trinken. Endlich, nach drei oder vier Monaten, fand man eine Pflegefamilie für das Kind, welches nun also mit noch nicht einmal einem halben Jahr nach der eigenen Mutter und Retos Frau schon die dritte Mutter erlebte. Dort scheint alles gut gegangen zu sein, es ist wenig bekannt. Salomé selbst kann sich natürlich nicht an diese Zeit erinnern, aber auch Reto ist nichts Negatives zu Ohren gekommen. Aber als das Kind etwa ein Jahr alt war, hatte Joëlle offenbar einen Entzug geschafft und Reto überzeugt, dass sie clean sei. Jedenfalls wurde ihr das Sorgerecht wieder gegeben, und Salomé erlebte den nächsten Heimatwechsel.

Dann versinkt wieder alles im Dunkel des Vergessens. Aber Joëlle gelang es jedenfalls nicht, von der Droge wegzubleiben. Die früheste Erinnerung von Salomé ist Folgende, da muss sie vielleicht etwa Drei gewesen sein: Sie sitzt ängstlich an die Wand gedrückt im Zimmer, hat Hunger und Durst und sieht ihre Mutter bewegungslos auf einer schmutzigen Matratze liegen. Sie reagiert nicht auf Salomés Weinen und Anstupsen. Natürlich hat das Kind noch kein Konzept von „tot“, aber am meisten fürchtet sie sich davor, dass der Mann, der neben Joëlle liegt, zuerst erwachen und sie dann wieder schlagen würde, und dass ihre Mutter vielleicht für immer so daliegen würde. Dann gibt es wieder eine Lücke von ein paar Jahren. Als Salomé etwa sechs Jahre alt ist, gelingt Joëlle der Absprung von der Droge. Sie zieht nach St. Gallen und lebt fortan von der Sozialhilfe und wechselnden Männerbekannschaften. Soviel ich weiß, tut sie das immer noch.

7 Gedanken zu „Salomé: Die Geschichte von Joëlle“

  1. Lieber Tomasz,
    Weil ich erst jetzt kommentiere, möchte ich auf keinen Fall wieder Wunden oder Erinnerungen aufreißen, wenn man vielleicht nach so viel Schmerz versucht zu vergessen. Aber glaube mir, ich weiß aus eigener Erfahrung, es kommt alles viel später.

    Für mich war diese 1. Geschichte sehr, sehr traurig, so was zu lesen. Ich kann mir das selbst nicht vorstellen, weil ich ein super Elternhaus hatte und behütet aufgewachsen bin. Das sollte kein Kind erleben.

    Vielen Dank. dass ich diese Geschichte von Deiner Sonja lesen durfte.
    Ich umarme Dich

    Deine Marion

  2. Eigentlich lese ich nur still mit, muss aber sagen, dass dieser kurze Text mir sehr nachhängt.
    Was für ein trauriger Start ins Leben, so sollte und darf es nicht sein.
    Danke das du diese auch für dich sehr persönliche Geschichte mit uns teilst. Ich wünsche dir ganz viel Kraft.

  3. Da es sich hier ja auch um ein Stück wahres Leben geht, kann ich nur sagen. Harter Tobak, so soll kein Kind auswachsen. Ich freue mich aber das du das Andenken an deine Freundin bewahrst und ihre Geschichte mit uns teilst. Ich denke es ist auch für dich nicht einfach. Fühle dich gedrückt.

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