Salomé: Ben

picture-6609Die Geschichte von Ben

Ben wurde 1958 in Amsterdam geboren. Er war der Sohn einer Jüdin, deren Eltern 1944, als er 10 Jahre alt war, getötet worden waren, und eines Metallwarenhändlers. Die Familie war nicht reich, aber durchaus auch nicht arm. Man kam gut zurecht und gehörte zum holländischen Bürgertum.  In der Schule fiel Ben vor allem durch sein ausgeprägtes Sprachtalent auf. Deutsch fiel ihm – zum Missfallen seiner Mutter – besonders leicht und er sprach es bald fließend, aber auch Englisch und Französisch beherrschte er in Wort und Schrift, als er sein Abitur machte. Nach dem Abitur verdiente er sich ein paar tausend Gulden mit Aushilfsjobs und dann machte er sich per Zug und Anhalter auf die Reise durch Westeuropa. Kreuz und quer zog er durch Belgien, Frankreich, Deutschland und landete so auch in der Schweiz, in Zürich. Eigentlich wollte er schon am nächsten Tag nach Italien weiterziehen.

Am Abend lernte er Joëlle kennen. Er verliebte sich Hals über Kopf in die zierliche, etwa gleichaltrige Schweizerin, die fast zwei Köpfe kleiner war als er und deutsch mit einem aparten französischen Akzent sprach. Die beiden zogen eine Weile gemeinsam durch die Schweiz, und natürlich konnte es ihm nicht verborgen bleiben, dass sie ein Problem hatte: Sie war heroinsüchtig. In Amsterdam hatte es zu diesem Zeitpunkt schon eine Drogenszene und auch etliche Tote gegeben, so dass Ben besser, als die meisten Schweizer wusste, was sich da abspielte. Er versuchte, Joëlle zum Entzug zu überreden, aber nach zwei Tagen hielt sie es nicht mehr aus und kaufte Nachschub. Die Sucht fesselte sie an Zürich, denn es gab sonst nicht viel Orte, wo man Heroin kaufen konnte. Schließlich entschloss Ben sich, allein weiterzureisen. Er gab ihr aber die Adresse seiner Eltern und bot ihr an, ihn zu besuchen, er werde sie dann in einer Amsterdamer Klinik unterbringen, wo man Erfahrung mit Heroinentzug hatte.

Er zog weiter nach Süditalien, nahm das Schiff von Bari nach Piräus und reiste durch die Ägäis, wo er auch noch griechisch lernte und sich mit Jobs als Hilfsmatrose etwas dazuverdiente. Nach etwa einem halben Jahr war sein Geld trotzdem aufgebraucht und er kehrte nach Hause zurück. Die Leidenschaft fürs Reisen ließ ihn nie mehr los. Er begann eine Ausbildung als Flight Attendant bei der KLM. Seinen eigentlichen Traum, Pilot, konnte er nicht erfüllen, weil er einen Astigmatismus hatte.

Irgendwann erreichte ihn eine Nachricht aus Zürich: Er sei vor einigen Wochen Vater einer Tochter geworden, Salomé, die Mutter sei Joëlle M. Ob er die Vaterschaft anerkenne? Ben fiel wie aus allen Wolken, er hatte gedacht, Joëlle habe verhütet. Im Wissen darum, wie Drogensüchtige ihre Sucht oft verdienen, verlangte er dennoch einen Vaterschaftstest. Dieser war eindeutig. Ben akzeptierte die vom Vormund vorgeschlagene Alimentenregelung widerspruchslos und überwies fortan jeden Monat den vereinbarten Betrag an den Vormund der kleinen Salomé. Weiteres Interesse an dem Kind hatte er aber nicht. Er betrachtete es als bedauerlichen Fehltritt, für den er jetzt 20 Jahre lang büßen müsse (Das Volljährigkeitsalter war damals in der Schweiz 20), und war fortan bei Frauenbekanntschaften sehr viel vorsichtiger.

Er hörte nie mehr etwas von seinem Schweizer Fehltritt. Auch Joëlle meldete sich in all den Jahren kein einziges Mal bei ihm. Er auch nicht bei ihr. Sie gehörte nicht mehr zu seinem Leben, ebensowenig wie ihre Tochter.

1992, an einem kühlen Winterabend, saß Ben nichts Böses ahnend vor dem Fernseher, als es an der Tür klingelte. Er öffnete und davor stand eine junge Frau mit schwer einschätzbarem Alter. Mager, einen etwas strengen Geruch verströmend, von oben bis unten in schwarz gekleidet, schwarze, lange Haare, tränenverschmiertes Gesicht, trotziger, wütender Blick.

„Ben Maassen?“, fragte sie ihn unsicher.

„Ja, wie bent U?“, antwortete er. Sie erinnerte ihn an jemanden, aber er konnte das nicht einordnen.

Bis sie begann, ihn in deutscher Sprache anzuschreien: „Du Arschloch, du Mistkerl, ich wollte dich nur einmal sehen um dir ins Gesicht zu sagen, was ich von dir halte!“

Natürlich verstand er deutsch. Seine Nachbarn vielleicht eher nicht, aber trotzdem war es ihm etwas peinlich, eine laut zeternde Frau vor seiner Tür zu haben, zumal er sich keiner Schuld bewusst war. Er war deswegen doch froh, als ihr die Luft auszugehen schien und sie sich umdrehte und weggehen wollte. Doch er hatte auch gesehen, dass ihr die Tränen aus den Augen strömten. Und wie so oft in zwischenmenschlichen Dingen tat Ben instinktiv das Richtige und rettete, ohne es zu wissen, seiner Tochter so das Leben: Er hielt sie fest und bat sie, erst einmal hereinzukommen. Als sie drin war, bot er ihr einen Tee an, was sie akzeptierte. Dabei dämmerte es ihm dann, an wen sie ihn erinnerte. „Bist du die Tochter von Joëlle?“, fragte er sie vorsichtig, was sie umgehend mit einer Explosion beantwortete.

Sie warf ihm die Tasse mit dem heißen Tee an die Brust, sprang auf und schrie: „DEINE Tochter, du Arsch. Dein Fickmüll.“

Erneut hielt er sie fest, bevor sie zur Tür hinaus stürmen konnte und bat sie, ihm erst ein wenig Zeit zu geben, sich zu sammeln. Ob sie sich erst mal frisch machen wollte? (Sie roch wirklich streng, und sie wusste das auch, sie war zwei Wochen lang unterwegs gewesen, von St. Gallen nach Amsterdam, und sie hatte keine Kleider zum Wechseln mitgenommen, weil sie gehofft hatte, per Anhalter schneller voranzukommen).

Sie duschte also ausgiebig und zog dann die von ihm bereitgelegten T-Shirt, Herrenslip und Trainingshose an, was ihr alles viel zu groß und zu weit war und irgendwie zum Schreien aussah. Als sie herauskam, hatte er auf dem Tisch alles an Knabberzeugs und Getränken ausgebreitet, was er da hatte und bat sie, sich zu setzen.

Sie sprachen bis fast zum Morgen miteinander. Über seinen Abschied von Joëlle, seine Traurigkeit, weil sie sich nie gemeldet hatte. Seinen Schreck, als er von dem Kind hörte und seiner Überzeugung, dass er mit dem Kind nichts weiter zu tun habe, als Alimente zu zahlen, dass niemand von ihm mehr erwarte oder gar wünsche.

Über ihre Wut, weil ihr Vater sich kein einziges Mal in all den Jahren nach ihr erkundigt hatte. Über ihr Versagen; sie war als verhaltensauffällige Jugendliche aus der Schule geflogen, obwohl ihr der Stoff sehr leicht gefallen war. Über ihren zunehmenden Hass auf die Mutter und deren wechselnde Männerbekanntschaften und schließlich den Grund, von zuhause wegzulaufen. Den Entschluss, zu sterben. Das einzige, was sie noch wollte war, ihren Vater einmal zu sehen und ihm ihre Wut ins Gesichts zu schreien. Danach hatte sie sich auf die Schienen der Schnellzugstrecke legen wollen. Irgendwann sagte sie nichts mehr.

Ben sah, dass sie eingeschlafen war. Mitten in einem ihrer wütenden, trotzigen Sätze waren ihr die Augen zugefallen. Er legte sie im Gästezimmer ins Bett, schloss vorsichtshalber die Eingangstür ab und steckte den Schlüssel ein.

Am nächsten Tag machte er frei. Er stellte bestimmte Regeln auf: Jeden Abend nach Hause kommen. Keine harten Drogen. Wieder in die Schule gehen. Unter diesen Bedingungen dürfe sie bei ihm bleiben. Zu zweit erkundigten sie sich bei Behörden und Ämtern, was nötig war, damit sie nicht mehr zur Mutter zurück musste. Da er sie ja nach der Geburt anerkannt hatte, war sie auch offiziell seine Tochter und durfte darum bei ihm in den Niederlanden bleiben.

Sie ging wieder zur Schule. Da sie kein Holländisch konnte, und da der Lehrplan anders war, und weil sie ein halbes Jahr zuvor von der Schule gegangen war, hatte sie insgesamt zwei Jahre verloren, war also deutlich die Älteste in der Klasse. Sie hatte daher nicht viele Kontakte und blieb ein eher einsames Mädchen. Ben hatte, ohne ihr das jemals vorzuhalten, sein Leben ziemlich umgekrempelt. Eigentlich waren sein Metier die Langstrecken nach Asien. Jetzt ließ er sich für fast zwei Jahre auf Kurzstrecken und Bodendienst versetzen, um seine Tochter nicht soviel allein zu lassen. Offenbar hatte er immer noch ein schlechtes Gewissen, aber er machte seine Versäumnisse mehr als gut. Mit seiner ruhigen, liebevollen, aber doch konsequenten Art brachte er die rebellische Göre auf den rechten Weg. Sie erreichte die Hochschulreife und begann ein Studium.


siehe auch: Die Geschichte von Joëlle


Wenn Du keinen der Einträge verpassen möchtest, trage links deine Emailadresse ein, oder folge mir  mit deinem Blogaccount bei WordPress oder Bloglovin.

Facebook Comments

3 Gedanken zu „Salomé: Ben“

  1. Jetzt hat sich sein schlechtes Gewissen gemeldet…trotzdem noch rechtzeitig, was wieder mal beweist, in jedem harten Kerl steckt doch ein weicher Kern. Ben wollte alles wieder gut machen…trotzdem ging mir diese Geschichte sehr ans Herz.

  2. So jung und schon soviel mitgemacht.Auch wenn ich es nicht verstehe warum der Vater sich nie gekümmert oder interessiert hat,ist es hier doch schön das er so handelt und sue vor dem schlimmsten bewahrt. Sehr emotional.

Kommentar verfassen