R.I.P. Salome

rip-kopie

Viel zu früh wurdest du von uns gerissen, aus einem Leben, das von vielen Schatten und nur wenigen Lichtgestalten bevölkert war. Auch wenn es mir nicht gelungen ist, dich von den dunklen Geistern, die sich immer wieder aus deiner Vergangenheit erhoben, zu beschützen, habe ich dir vielleicht den einen oder anderen glücklichen Moment beschert.

Ich habe es versucht.

Du jedenfalls warst mir eine Freundin, Muse und über einen langen Zeitraum eine tägliche Begleiterin, die mein Leben kommentiert und unermeßlich bereichert hat.

Ich bin so unfaßbar traurig, dass du nicht mehr da bist.


SELENA

Sie war keine Schönheit.
Eigentlich war sie nicht einmal das, was man gemeinhin als hübsch bezeichnen würde. Dafür waren ihre Züge zu hart. Trotzdem war Philip fasziniert, als er sie sah. Sie strahlte eine Attraktivität aus, die man nicht in Kategorien wie schön oder hübsch fassen konnte, so wie sie da an der Bar saß. Unnahbar und doch anziehend. Ihre Haltung war stolz, doch ihr Blick schien seltsam gehetzt, als sie ihn kurz ansah und gleich wieder wegblickte. Der Hocker neben ihr war frei. Philip nahm Platz, ohne zu fragen, ob es gestattet sei. Ihr langes, glattes schwarzes Haar fiel so, dass ihr Gesicht halb bedeckt war. Dunkle Augen funkelten zwischen den Strähnen hervor, doch nur kurz schaute sie ihm ins Gesicht, dann glitten ihre Blicke von ihm weg. Sie war schlank. Fast dünn eigentlich. Vor ihr stand ein Glas Whisky.
»Hallo, ich bin Philip«
Ein kurzer Blick aus ihren dunklen Augen traf ihn, berührte ihn tiefer als erwartet, bevor sie ihm wieder entglitt. Sie nickte nur und flüsterte kaum hörbar:
»Hallo.« Eine Minute oder so sagte niemand etwas. Sie wandte sich nicht ab, sagte ihm auch nicht, er solle sich verziehen, ermutigte ihn aber auch nicht zu weiterer Konversation. Sie schien nur zu warten. Philip wurde ungeduldig. Er würde den Abend nicht neben einer lebenden Leiche verbringen. Er machte noch einen Versuch, in schärferem Ton:
»Wie heißt Du?«
Damit schien er zu ihr durchgedrungen zu sein. Sie wandte sich ihm ganz zu, öffnete ihre Beine ein wenig, legte die Hände auf die Oberschenkel, die Handflächen nach oben und sagte:
»Selena.« Nur das, nichts sonst. Doch zusammen mit der veränderten Haltung schien nun alles einen Sinn zu ergeben. Sie war nicht abweisend, sondern verloren und verängstigt. Um den Hals hatte sie ein grünes Stoffband geschlungen. Um ihre Handgelenke waren dünne Lederriemen.
»Du bist Besitz«, erkannte er entgeistert.
»Nein«, flüsterte sie, und er sah, dass ihre Augen feucht wurden.
»Du hast deinen Herrn verloren?«
»Ich bin geflohen.« Ihre Stimme war im Lärm der Bar kaum zu hören, obwohl er sein Gesicht inzwischen dicht an ihres gebracht hatte, ohne dass sie zurückgewichen wäre. Sie schwankte, schien sich kaum noch aufrecht halten zu können. Die Tränen liefen jetzt über ihre Wangen, doch sie ließ ihre Hände auf den Knien.

Philip nahm ein Papiertaschentuch und tupfte ihr sanft das Gesicht ab. Dann strich er ihr leicht über die Schulter und sagte:
»Komm mit zu mir heute Nacht, dann sehen wir morgen weiter.« Ohne eine Sekunde zu zögern, erhob sie sich und stand abwartend neben ihm. Als er Richtung Ausgang ging, folgte sie ihm, einen Schritt Abstand haltend. Bei seinem Auto angekommen, öffnete er die Tür und bedeutete ihr, einzusteigen. Sie tat es, machte aber keine Anstalten, sich anzuschnallen oder die Tür zu schließen. Als er sich über sie beugte, um den Sicherheitsgurt einzuklinken, stellte er fest, dass sie kein Parfum benutzte. Sie roch keinesfalls unangenehm, überhaupt nicht. Sie war gepflegt und sauber. Ein feiner, weiblicher Geruch ging von ihr aus, sonst nichts. Der Drang, sie zu berühren wurde beinah übermächtig. Aber er hielt sich zurück, schloss die Tür und stieg auf der Fahrerseite ein.

Als sie Philips Wohnung betraten, zog Selena ohne zu Zögern ihre Schuhe und das Kleid aus. Sie legte beides säuberlich auf ihre Handtasche, die sie in die Ecke gestellt hatte. Sie trug jetzt nur noch ihr grünes Stoffband um den Hals und die Lederriemen um die Handgelenke. Philips Mund wurde trocken, er schluckte leer.
»W..enn du dich frisch machen willst, dort links ist das Badezimmer.«
Während sie dort beschäftigt war, nahm er ein Bier und setzte sich auf die Couch. Wer war diese geheimnisvolle Frau? Wie war sie in diese Bar gekommen? Warum kam sie einfach mit ihm? Philip war nicht dumm. Es war ihm klar, dass das alles zu leicht gewesen war. Versteckte Kamera? Doch wer würde ihm einen solchen Streich spielen wollen? Und Selena wirkte so echt. Nicht wie eine Schauspielerin. Wem war sie davongelaufen? Und warum war sie so unglücklich und so verloren?

Sie kam aus dem Badezimmer, nackt und völlig unbefangen. Sie kniete sich ihm gegenüber auf den Boden in Nadu – Position. Er sah nun, dass sie wirklich unterernährt war. Ihre Rippen standen heraus, ihr Bauch war eine Höhle. Ihre Brüste waren relativ klein, aber schön geformt. Er fand das Alter einer Frau war schwer zu schätzen, aber sie war kein Mädchen mehr. Vielleicht dreißig Jahre alt.
»Willst du etwas essen und trinken?« Sie sagte nichts. »Verdammt nochmal, antworte mir!«, fluchte er ungeduldig.
»Ich werde von Ihnen bekommen, was ich zu bekommen habe«, sagte sie nur. Oh Mann, sie musste lockerer werden, so ging das ja nicht.
»Was war es, das du vorhin in der Bar getrunken hast?«
»Johnny Walker«
»Den habe ich auch hier, ich hole dir noch ein Glas.« Dazu brachte er Salzstangen und Erdnüsse. »Setz dich hier neben mich.«
Sie gehorchte, und als sie keine Anstalten machte, sich zu bedienen, begann er sie zu füttern. Was er ihr in den Mund steckte, aß sie mit Heißhunger. Dazwischen flößte er ihr schlückchenweise vom Whisky ein. Mit ihr so nah neben sich, in ihrer Nacktheit, ihrer Schutzlosigkeit und der Art, wie sie ihm buchstäblich und tatsächlich aus der Hand fraß, konnte er sich nicht mehr zurückhalten und streichelte ihr sanft über die Wangen und den Hals. Er konnte seine Hände auch nicht davon abhalten, tiefer zu wandern, zu ihren Brüsten, deren Warzen steif aufgerichtet waren. Sie keuchte leise. Dieses Geräusch und ihre Nähe, ihre offensichtliche Bereitschaft, ihm völlig zu Willen zu sein, führte dazu, dass ihm die Hose bald zu eng wurde. Darüber vergaß er seine guten Vorsätze, sie einfach nur bei sich übernachten zu lassen, um am Morgen mehr über sie zu erfahren. Er war eben ein Mann.

So nestelte er nun an seinem Reißverschluss. Als er ihn nicht gleich aufbekam, spürte er ihre Hände, die ihm zu Hilfe kamen. Ehe er es sich richtig versah, hatte sie seinen Penis befreit. Sie glitt zu Boden, kniete zwischen seine Beine und nahm sein Glied tief in ihren Mund. Trotz der Wellen von Lust, die ihn nun durchströmten, sah er, als sie sich so über seinen Schoss beugte, dass ihr Rücken mit Striemen übersät war.

Schlagartig ernüchtert zog er sie von sich weg und befahl schroff:
»Steh auf!« Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen, während sie gehorchte. Sie hatte Angst, einen Fehler gemacht zu haben. Philip streichelte sie behutsam und gab ihr einen sanften Kuss. Dann drehte er den Lichtregler voll auf und betrachtete sie noch einmal – gründlicher. Die Striemen bedeckten nicht nur ihren Rücken, den Hintern und die Oberschenkel, sondern waren auch über den Bauch, die Scham und die Brüste verteilt. Es waren keine frischen Verletzungen, sie waren sicher einige Wochen alt.
»Wer hat dir das angetan, Selena?«
»Mein Herr.«
»Dann bist du ihm weggelaufen.« Sie nickte nur. »Erzähl mir davon. Wer war das?« Selena erstarrte. Sie konnte das nicht erzählen. Sie konnte sich aber auch nicht weigern, zu gehorchen. Sie konnte dieses Dilemma nicht auflösen.
Sie erstarrte.

Philip war kein unsensibler Mann. Er verstand nicht völlig, was sie zum Erstarren gebracht hatte, aber er erkannte, dass er ihr zu nahe getreten war. Sie hatte ihm angeboten, mit ihrem Körper zu machen, was er wollte, aber ihre Seele musste er schonen. »Verzeih mir, Selena. Ich weiß, dass man Submission kaputtprügeln kann. Du bist an einen Dreckskerl geraten. Ich werde dich nicht zwingen, mir davon zu erzählen.« Eine Weile hielt er sie nur in seinem Arm und sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. Später gingen sie ins Badezimmer, um sich frisch zu machen. Dann nahm er sie ins Schlafzimmer und bedeutete ihr, sich aufs Bett zu legen.
»Fessle mich, bitte«, bat sie ihn leise, nachdem sie seinen sanften Kuss erwidert hatte.

Philip hatte Erfahrungen in der BDSM-Szene. Es war ihm unterdessen natürlich klar, dass Selena eine Sklavin war. Eine Frau, die sich nicht nur beim Sex unterwarf, sondern eine, die konstant und absolut Führung und Stütze eines Herrn suchte, um selbst Stabilität zu finden. Und es war ihm klar, dass sie jetzt völlig aus dem Gleichgewicht war. Philip hatte noch nie eine solche Beziehung gehabt, die im BDSM-Slang auch TPE genannt wird; er hatte bisher nur mit Sub-Frauen gespielt, die vor und nach der Session völlig gleichberechtigt mit ihm waren. Eine feste Beziehung, die mehr als einige Wochen überdauert hätte, hatte er überhaupt noch nie gehabt, obwohl sein dreißigster Geburtstag schon hinter ihm lag. Trotzdem verstand er: Fesselung bedeutet einerseits Auslieferung, andererseits aber auch Stabilität. Fesselung bedingt Vertrauen. Fesselung kann aber auch Vertrauen verstärken.

Behutsam band er die Riemen an ihren Handgelenken am Kopfende des Bettes fest. Um die Fußgelenke band er Riemen, die er von seinen BDSM-Sessions her besaß, und fixierte sie am Fußende des Bettes. Zuletzt bedeckte er ihre Augen mit einem Tuch. Dann begann er sie zu streicheln, am ganzen Körper. Ihre Brustwarzen waren hart. Als er sanft daran zupfte, stöhnte Selena. Über den Rippen und unter der Haut ihres Bauches schien kein Gramm Fett zu sein. Die Schamregion war perfekt glatt rasiert. Zwischen den Beinen fühlte er, dass sie mehr als bereit für ihn war. Er band einen Knöchel los, damit sie das Bein abspreizen konnte. Er hatte sich nun schon so lange zurückgehalten, jetzt konnte er seine schmerzhafte Erektion nicht mehr ignorieren. Er legte sich auf sie, und in dem Moment, in dem er in sie eindrang, wusste er, dass es genau das war, worauf sie gewartet und gehofft hatte. Mit einem befreiten Stöhnen schlang sie ihr freies Bein um seine Lenden und zog ihn tief in sich hinein.
Er zog das Tuch von ihrem Gesicht, und ihre Münder und Zungen trafen sich zu einem leidenschaftlichen Kuss, während Philip seine Sklavin und sich selbst mit heftigen Stößen dem Orgasmus immer näher und schließlich darüber hinaus trieb.
Danach band er sie los, und sie leckte seinen Penis sorgfältig sauber. Sie rollte sich am Fußende des Bettes zusammen und legte seine Füße an ihren Bauch. So schliefen beide erschöpft ein.

Als Philip am Morgen erwachte, dachte er zunächst, er habe geträumt. Der Platz zu seinen Füßen war leer. Doch als er aufstand, und zur Toilette ging, sah er, dass im Esszimmer der Tisch schon gedeckt war. Nur ein Gedeck. Daneben kniete die nackte Sklavin, den Blick zu Boden gerichtet.

Nachdem er sich frisch gemacht, Trainingshose und T-Shirt angezogen hatte, setzte er sich zu ihr. Er bereitete sich ein Brot zu, und reichte ihr dann jeweils ein Stück zum Abbeißen. Sie aß ganz offensichtlich mit gutem Appetit. Sie wirkte auch sonst anders, als am Vorabend. Hätte er sie da geheimnisvoll – attraktiv genannt, würde er sie jetzt ohne Zögern als Schönheit bezeichnen. Er war fasziniert von ihr. Sie lächelte immer noch nicht, doch ihre vorher schmal zusammengepressten Lippen waren jetzt weich und voll. Und anstelle der unterschwelligen Verzweiflung strahlte sie jetzt Wärme aus. Der Blick aus ihren dunklen Augen war weich geworden. Ihre gerade Haltung mit den Händen auf dem Rücken brachte ihre Brüste schön zu Geltung. Philips Bewunderung blieb in der elastischen Trainingshose nicht lange unbemerkt. Als er das letzte Stück Brot gegessen hatte, rutschte Selena zwischen seine Beine, zog seine Hose herunter und nahm seinen Penis in den Mund. Er lehnte sich zurück, legte eine Hand auf ihren Kopf und genoss ihre Fertigkeit.
Genau im richtigen Moment – er fragte sich, wie sie seinen Orgasmus so präzise kommen fühlte – nahm sie seinen Penis bis zum Anschlag auf und ließ ihn tief in ihre Kehle spritzen. Erst nach drei, vier Zuckungen löste sie sich ein wenig, um wieder Luft holen zu können. Danach reinigte sie ihn sorgfältig, rutschte auf den Knien wieder ein Stück zurück und sagte:
»Danke Herr, dass ich ihren Samen trinken durfte.«

Er setzte ihr die Kaffeetasse an den Mund und ließ sie einige Schlucke nehmen. Die richtigen Worte für all das, was er nun sagen wollte, fielen ihm einfach nicht ein. Schließlich fragte er lahm:
»Wie geht es nun weiter?«
Eine Frage, die absolut unpassend war von einem Herrn an seine Sklavin. Das war ihm klar, noch bevor er sie ganz ausgesprochen hatte.

Doch Selena war bereits ein Stück weiter. Sie war in der letzten Nacht ihrer dunklen Lust gefolgt, die ihr keine Ruhe gelassen hatte. Die sie quälte, seit sie sich von dem Mann befreit hatte, der ihre devote Natur missbraucht hatte. Lange hatte sie hin und her überlegt, ob sie diesen Schritt hinaus wagen sollte. Sie bereute nicht, dass sie es getan hatte. Sie fühlte sich jetzt viel besser, als je zuvor in den letzten Wochen. Doch nun musste sie zurück. Man würde sie in der Klinik vermissen. Ihr Kind würde sie vermissen. Und sie vermisste ihr Kind schon jetzt.

»Ich muss wieder gehen, Herr«, sagte sie nur. Und obwohl sie die Sklavin war, obwohl sie nackt und unterwürfig vor ihm kniete, obwohl er genau wusste, dass sie alles zulassen würde, was er jetzt mit ihr zu tun beliebte, war ihm doch klar, dass es hier keinen Widerspruch gab. In diesem Punkt galt ihr Wille, nicht seiner.
»Wann musst du gehen?«, fragte er darum nur.
»Sobald Sie mit dem Frühstück fertig sind und mich nicht mehr sexuell benutzen möchten, Herr.«

»Werden wir uns wiedersehen?«, fragte er, und es war ihm ganz egal, dass er nun vom Herrn zum Bittsteller geworden war.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie unbestimmt, zog ihr Kleid und ihre Schuhe an, nahm ihre Handtasche und blieb noch einen Moment unschlüssig stehen. Dann fasste sie seine Rechte mit beiden Händen, küsste sie und sagte leise: »Ich danke Ihnen, Herr. Sie haben mich gerettet.«
Dann drehte sie sich um und ging davon, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzuschauen.
ENDE

 

 

 

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