Chitin 03

Drei

Als die schwarze Sonne Thet aufging, ging das Volk in den Bau. Alle außer den Soldatinnen, die den Eingang bewachten und den Hüterinnen der drei weichen Monster. Zwar konnte das Volk auch bei Thet sehen, aber nur im infraroten Bereich. Und da die Oberfläche des Planeten außerhalb des Baus schnell abkühlte, wurden die Beine und Fühler der Arbeiterinnen schnell steif und konnten nur noch langsam bewegt werden. Doch heute erwartete sie eine weitere Überraschung: Die Monster leuchteten Infrarot wie kleine Sonnen. Sie mussten autonome Wärmeerzeuger sein! Die Biologin beobachtete die hell strahlenden Wesen fasziniert. Sie musste hinter das Geheimnis dieser Wärme kommen! Das Volk konnte kaum erwarten, sie zu sezieren. Würde man diese Wärme für den Bau nutzen können? Dies würde das Volk zum mächtigsten der Welt machen. Zum einzigen, das auch im Winter aktiv sein konnte, während alle anderen Völker im langen Schlaf erstarrten. Vielleicht würde man sogar die feindseligen Nachbarvölker im Winter vernichten können, wenn sie wehrlos waren! Die Soldatinnen scharrten bei diesem Gedanken erwartungsvoll mit den Kiefern, während die Arbeiterinnen beim Gedanken an massenhaft Nahrung fast ohne Anstrengung wohlig zu beben begannen. Bald vibrierte der ganze Bau voller Erwartungen, und Thet hatte den Zenit bereits überschritten, als endlich Ruhe eintrat.

Doch noch bevor die gleißende Sonne Hel aufging, geschah etwas, das das Volk erneut in Alarmstimmung versetzte. Von einem der Ungeheuer ging immer stärker eine andere Art von Schwingungen aus. Nicht mehr diese ungerichtete Panik, die man von Beutetieren kannte, sondern etwas – Anderes. Unbekanntes. Die Biologin schob sich näher, um genauer zu sehen, was geschah. Es war eines der größeren Wesen. Seine Mitte strahlte heller als zuvor. Die Sicht war infrarot nicht so scharf, wie bei Tageslicht, aber die Biologin konnte doch erkennen, dass die mittlere Extremität, dieser schlauchartige Fortsatz, sich veränderte. Er erhöhte seine Temperatur und wurde zu einem – Stab. Gleichzeitig sandte das Wesen diese neue Art von Impulsen aus. Es schob sich dicht an das Krüppelwesen heran. Dieses versuchte augenscheinlich auszuweichen, doch das Stabwesen umfasste seinen Leib und hielt mit den oberen Tentakeln die beiden Vorwölbungen an der oberen Körperhälfte fest. Nach einiger Zeit gab das Krüppelwesen seine Ausweichversuche auf, und begann nun auch, diese neue Art von Impulsen auszusenden. Die beiden Wesen pressten ihre Kopffortsätze aneinander, und auf einmal begann auch die Mitte des Krüppelwesens wärmer zu strahlen, obwohl es ja keinen Stab besaß. Fasziniert schob die Biologin sich näher heran. Fast hätte sie die beiden mit ihren Fühlern berühren können. Diese schienen nichts von ihr zu bemerken. Das Dritte sowieso nicht, das lag bewegungslos etwas weiter weg und war eher kühl. Waren die Ungeheuer womöglich auch Thetblind? Konnten sie weder fühlen, noch sich artikulieren, noch ohne Hel sehen? Wie konnten solche Wesen überleben?

Die Biologin erstarrte, als das Stabwesen sich langsam auf das Krüppelwesen schob. Dieses bewegte seine hinteren Extremitäten auseinander, und man konnte erkennen, dass die Wärme, die seine Mitte ausstrahlte, vor allem aus einer kleinen Öffnung zwischen diesen Extremitäten kam. Sprachlos vor Staunen sah die Biologin, sah das Volk, wie das Stabwesen seinen Stab in jene Öffnung schob. „Das Krüppelwesen ist gar nicht verkrüppelt!“, erkannte die Biologin. Die beiden passten perfekt zueinander! Ein Stabwesen und ein Lochwesen, die sich mit einer nicht auf den ersten Blick erkennbaren Steckverbindung vereinigen konnten! Doch was war der Zweck dieses seltsamen Rituals? Entstand womöglich ein neues, gefährlicheres Wesen aus dieser Vereinigung? War das Volk in Gefahr? Schon drängten die Soldatinnen nach vorne, als dieser Gedanke in der Luft lag. Die Ungeheuer mussten vernichtet werden!

Doch die Neugier der Biologin siegte ein weiteres Mal. Man würde rechtzeitig erkennen, wenn Gefahr drohte. Jetzt musste man lernen! Niemand auf der Welt hatte jemals solche Wesen gesehen. Niemand hatte je diese Schwingungen gefühlt, die jetzt immer stärker von den beiden ausgingen, und die das Volk in höchste Anspannung versetzten, welche zwar nicht direkt unangenehm war, aber… ungewohnt und unerwartet.

Das Stabwesen bewegte seinen Stab im Loch hin und her. Die Temperatur stieg weiter an, und außerdem schien sogar Feuchtigkeit auszutreten. Feuchtigkeit! Feuchtigkeit war Gefahr! Wasser war tödlich! Natürlich wusste die Biologin, dass das nicht stimmte. Dass alle Lebewesen, auch die Glieder des Volkes, zumindest auf minimale Mengen Wasser angewiesen waren. Wasser, das in den Nahrungsmitteln gespeichert war, und das sie aufnahmen, ohne es wirklich zu wissen. Auf der anderen Seite stand die atavistische Angst. Das uralte Wissen, dass Wasser in Atemöffnungen drang und tötete. Der Instinkt, bei Regen sofort einen Unterstand aufzusuchen und sich von Gewässern fernzuhalten. Diesmal kämpfte in den Soldatinnen der Drang zu töten gegen den Drang, vor dieser heißen Nässe, die von den beiden Ungeheuern ausging, wegzulaufen.

Plötzlich, noch ehe einer dieser Gedanken in irgendeine Aktion umgesetzt werden konnte, geschah wieder etwas Neues: Ein gewaltiger Impuls ging vom Stabwesen aus, überrollte den ganzen Bau, brachte Arbeiterinnen und Soldatinnen, und wahrscheinlich sogar die Königin und die jungen Drohnen dazu, sich mit zuckenden Gliedern niederzulassen, überwältigt von einem Gefühl, das höchstens dem zu vergleichen war, wenn man eine riesige Menge süßester Nahrung gefunden und verschlungen hatte. Doch ehe das Volk diese Impulse richtig aufnehmen und analysieren konnte, verebbten sie bereits. Das Stabwesen und das Lochwesen lagen wieder bewegungslos dicht beieinander. Zwischen den Hinterbeinen des Lochwesens befand sich Flüssigkeit. Zu wenig, um wirklich gefährlich zu sein, aber doch genug, um das Volk zu beunruhigen.

Bevor der Bau nach diesen schockierenden Ereignissen wieder zur Ruhe kommen konnte, begann die Morgendämmerung. Bald trat Hel über den Horizont und erweckte mit ihrer heißen, hellen Strahlung die Welt zum Leben. Die Pflanzen öffneten ihre Blätter und Blüten, kleine Tiere huschten umher, sich vorsichtig vom Bau des Volkes fernhaltend, und auch die drei Ungeheuer begannen sich zu regen. Sie falteten ihre Hinterbeine zusammen und berührten so mit dem Podex ihres Leibes den Boden. Die obere, kopfähnliche Extremität hielten sie nun wieder nach oben. Alle drei drückten sich eng aneinander, in der Mitte der Fläche, die die Soldatinnen für sie umgrenzten, und so möglichst weit von diesen entfernt.

Die Biologin beschloss, nun systematisch ihre Beobachtungen im Kollektivgedächtnis des Volkes festzuhalten. Die Ungeheuer hatten nur vier Extremitäten. Die obere Extremität war ganz offensichtlich der Kopf, auch wenn es nicht wie ein Kopf aussah und weder Fühler noch Antennen hatte. Die oberen Extremitäten schienen dazu zu dienen, Dinge und andere Ungeheuer festzuhalten. Sie hatten Tentakel an ihren Enden, die beinah so beweglich waren, wie Antennen. Es schien zwei Arten von Monstern zu geben: Diejenigen, mit dem seltsamen Schlauch in der Mitte, der zu einem Stab werden konnte, und dasjenige, das stattdessen eine Öffnung hatte.

In diesem Moment erhob sich eines der Stabwesen, trat einen Schritt zur Seite und ergriff seinen Schlauch. Plötzlich trat aus diesem Wasser aus! Erschrocken und der Panik nahe wichen die Soldatinnen einen halben Schritt zurück, bevor die Disziplin sie wieder zum Stehen brachte. Doch das Wasser floss als dünnes Rinnsal zwischen ihnen durch, was sie zu unkontrolliertem Zittern brachte. Aber keine verließ ihren Posten. Das Volk war stolz auf seine Soldatinnen. Glücklicherweise war es zu wenig, um wirklich gefährlich zu sein. Die Soldatinnen konnten sich problemlos so aufstellen, dass kein Fuß mit der Flüssigkeit in Kontakt kam. In diesem Moment entleerte auch das zweite Stabwesen seinen Schlauch. Was mochte nur der Zweck dieser Drohung sein? Fühlten sich die Ungeheuer so stark, dass sie das Volk mit Wasser einschüchtern wollten? Nun, wieviel Wasser mochten sie wohl mit sich führen? Viel konnte es ja nicht sein. Und wenn sie keines mehr hatten, konnten sie auch nicht mehr damit drohen. So schnell gewöhnte sich das Volk an neue Gefahren. Das Lochwesen stand nicht auf sondern erhob sich nur ein wenig. Und auf einmal drang zwischen seinen Hinterbeinen ebenfalls Wasser aus. Leider konnte man es nicht genau erkennen, aber die Biologin hatte den Eindruck, dass das Wasser aus derselben Öffnung kam, die das Stabwesen in der Nacht benutzt hatte. Jetzt wurde es langsam klarer: Die beiden hatten Wasser ausgetauscht, um ihren Angriff vorzubereiten! Das erklärte auch die Nässe, die ausgetreten war. Fast belustigt konstatierte das Volk die Harmlosigkeit dieser Attacke der Monster. Wenn sie nicht mehr zu bieten hatten, als das, dann bestand wirklich keine Gefahr!

Die Biologin entwarf ihren Plan. Überflüssig war nicht das Lochwesen, sondern dasjenige, der beiden Stabwesen, das inaktiv geblieben war. Das Aktivere hatte diese ungeheuren Schwingungen ausgesandt, die das Volk unbedingt noch einmal erleben wollte. Also würde man das Passivere sezieren, um den Sitz dieser Wärmeerzeugung zu finden, und um das Geheimnis zu lüften, wie diese Wesen sich trotz ihrer Weichheit aufrecht halten konnten. Doch man musste schnell handeln, bevor die beiden Stabwesen ihre Plätze tauschen konnten, und man nicht mehr wusste, welches das Studienobjekt war. Schließlich sahen die beiden völlig identisch aus.

Ein kurzer Gedanke, eine der Soldatinnen schob sich nach vorne und ergriff das nutzlose Stabwesen mit den Mandibeln an seiner unteren Extremität, die etwas kräftiger zu sein schien, als die obere. Das andere Stabwesen klopfte mit seinen oberen Extremitäten hektisch auf den Kopfpanzer der Soldatin, die davon nicht sehr beeindruckt war und das Ungeheuer mit einer Wischbewegung ihres Fühlers von sich weg stieß. „Wir wollen es gleich hier sezieren, damit wir es nicht versehentlich vorher zerstören“, bestimmte die Biologin.


weiter  geht es hier mit Chitin – Teil 4

vorheriger Teil von Chitin 

Das Titelfoto für diesen Beitrag wurde mir freundlicherweise
von dem Fotografen Thomas Mattern zur Verfügung gestellt.


Mehr von Thomas Mattern findet ihr in seiner Galerie bei unART-Fotokunst.


Vielen Dank auch an das wunderbare Model Tjara für die Erlaubnis ihr Bild zu nutzen.

Mehr von ihr findet ihr auf ihrer Facebookseite TjaraModelPage, wo sie eine Galerie mit weiteren Fotos hat und wo sie auch gebucht werden kann.


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