Im Kopf des Masochisten

Lust auf ein wenig Neurologie & Wissenschaft?

Angenommen du nimmst an folgendem wissenschaftlichen Experiment teil: Deine Augen sind von einer Brille bedeckt, auf deren Innenseite verschiende  Bilder gezeigt werden. Dein Kopf steckt in einem Magnetresonanztomographen (fMRI), der die Aktiväten deines Gehirns aufzeichnet, während dein Handrücken mit Laserstrahlen traktiert wird. Es ist ein  Neodymium Yttrium Aluminium Perovskite Laser , der nadelstichartige Reize von hoher Intensität und kurzer Dauer setzt. Im ersten Durchgang erhältst du Impulse, die du auf einer Skala von 0 (kein Schmerz), 1 (leicht aber eindeutig) bis 10 (schlimmst möglicher Schmerz) bewerten sollt. Dieser Durchgang dient der Kalibrierung. Du und alle anderen Teilnehmer der Studie werden danach im weiteren Verlauf nur noch mit Stufe 3 bzw 4 gequält. Ein deutlicher Schmerz, der aber über den Zeitraum des Experiments auszuhalten ist und natürlich keine bleibenden Schäden hervorruft.

Farbig im Bild markiert sind Hirnareale, die verstärkt bei Masochisten aktiv sind. Die Skala rechts zeigt die Änderung der Signalstärke im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Nun beginnt das eigentliche Experiment. Dir werden wechselnde Bilder gezeigt, während der Laser deine Hand traktiert. Bei jedem Bild, bei jedem Laser-Nadelstich musst du Auskunft geben, wie stark du den Schmerz empfindest und jedes Mal zeichnet das fMRI die Aktivitäten deines Hirns auf. Die meisten Bilder sind normal, wie man sie bei psychologischen Tests dieser Art verwendet. Ein Teil der Bilder zeigt jedoch schmerzhafte sadomasochistische Aktivitäten. Die Teilnehmer der Studie sind in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe besteht aus Masochisten, nach deren Vorlieben die o.g. Bilder zusammengestellt wurden. Und damit sind wir beim Ergebnis dieses Experiment. Jene Probanden mit masochistischer Neigungen berichteten von niedrigeren Schmerzleveln, und zwar immer dann, wenn ihnen SM-Bilder gezeigt wurde, im Vergleich zur Kontrollgruppe der Nichtmasochisten. Ausserdem zeigte sich bei den Hirnscans, dass bei der ersten Gruppe andere, zusätzliche Hirnareale zur Schmerzverarbeitung aktiv waren. Masochisten empfanden den Schmerz nicht per se angenehmer oder weniger schmerzhaft, sondern nur dann wenn durch das Zeigen von SM-Bildern gleichzeitig positive Emotionen ausgelöst wurde. Bei ihnen zeigten sich stärkere Aktivitäten in jenem Teil des somasensorischen Cortex, wo z.B. emotionale Erinnerungen verarbeitet werden, während sich Aktivitäten dort reduzierten, wo die eigentliche Schmerzverarbeitung stattfindet.

 

In der medizinisch-psychologischen Diagnostik setzt allmählich ein Umdenken um. Zwar wird nach ICD-10 F65.5 Sadomasochismus immer noch als einheitliche „Störung der Sexualpräferenz“ betrachtet, doch setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass einvernehmliche Ausübung von SM-Praktiken keine Paraphilie ist. Aus diesem Grund rückt BDSM in jüngster Zeit verstärkt in den Fokus des wissenschaftlichen Forschungsbetriebs. Die oben zitierte Studie ist nur eines von Beispielen für diesen Trend. Das Science of BDSM Research Team an der Northern Illinois University widmet sich explizit der Erforschung ›unkonventioneller Stimuli‹ auf den menschlichen Körper und Geist.

So untersuchte ein Team um Professorin Klement die nicht-sexuellen Aspekte des BDSM. Gestüzt auf ältere Untersuchungen, bei denen BDSM als eine so genannte ›ersthafte Freizeitbeschäftigung‹ klassifiziert wurde. Ähnlich wie Klettern oder ähnliche Aktivitäten, setze dessen Ausübung Engagement, Können und Einsatzbereitschaft vorrausetze. Konkret studierte Klements die Ausübung von extremer Rituale und BDSM. Sie interviewten Teilnehmer, führten Tests durch und entnahmen Speichelproben. Die Studiensubjekte – Doms wie Subs – gaben an ›alternative Bewusstsseinszustände‹ zu erleben und berichteten übereinstimmend von niedrigen Stresslevels. Dies stand scheinbar im Widerspruch zu den Meßergebnissen, a in den Speichelproben stark erhöhte Cortisollevel gefunden wurde, ein Anzeichen für großen Stress. In Kognitionstests schnitten die Teilnehmer signifikant schlechter ab, ein weiteres Indiz dafür, dass sich sadomasochistische Aktivitäten sehr stark auf den Bewusstsseinszustand auswirken.

Die Ergebnisse von Klements sind für BDSM-Anhänger nicht neu, Subs berichten immer wieder vom so genannten ›Subspace‹, ein Art von Trance, die während schmerzhafter oder erniedrigender SM-Aktivitäten erreicht wird. Es beweist, dass es vielen BDSM-Enthusiasten nicht ausschließlich um die Befriedigung sexueller Lust geht.

»Die Frage warum jemand Masochsimus dem Bergsteigen vorzieht, könnte vergleichbar mit der Frage, warum jemand Fallschirmspringen dem Bergsteigen vorzieht«, schrieb PhD. Baumeister in seiner Arbeit Understanding Masoschism.

 

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