Sklavin des Humanisten – 10

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Der Frühling wird überbewertet.
Douglas Adams (1952–2001) in: Einmal Rupert und Zurück

(15. März)

 

Es war ein warmer, frühlingshafter Tag. Der März zeigte sich in jenem Jahr von seiner allerschönsten Seite. Liana schlenderte am Ufer flussaufwärts und schaute den Enten und Schwänen zu, die sich um die Brotkrumen balgten, die ihnen alte Frauen und kleine Kinder zuwarfen. Studenten und Studentinnen saßen auf den Uferbänken und den Stufen der Treppen und gaben vor, zu lernen, aber es war nicht schwierig zu erkennen, dass ihre Blicke nicht wirklich den Büchern galten. Der Frühling lag in der Luft, und Hormonfluten strömten durch ihre Adern.

Liana fühlte sich an jenem Tag schön und sexy. Sie trug ein leichtes Sommerkleid, ihr lockiges, rotblondes Haar umschmeichelte Gesicht und Schultern, und nichts außer dem glänzenden stählernen Halsreif deutete darauf hin, dass sie eine Sklavin war. Sie hätte ebenso eine der jungen Studentinnen sein können.

Ein gut gekleideter Mann von vielleicht Ende dreißig versuchte, ihren Blick zu erhaschen. Dabei achtete er nicht mehr auf den Weg und stolperte beinahe über einen der umherwuselnden Hunde der alten Damen, welche die Vögel fütterten. Der Hund, Marke Bodenfeger, der mit der Nase offenbar ebenfalls nicht bei der Sache war, kläffte erschrocken schrill auf, und der Mann erschrak seinerseits so sehr, dass er fast über die eigenen Füße gefallen wäre und wild mit den Armen rudernd, und seine elegante Notebooktasche schlenkernd, kurz vor Liana gerade noch zum Stehen kam.

Diese betrachtete die Szenerie zunächst verdutzt, konnte dann aber ein helles Lachen nicht unterdrücken, während sie kurz stehen blieb, und dann um ihren torkelnden Bewunderer herum weitergehen wollte. Dieser war offensichtlich mit einer gewissen Schlagfertigkeit gesegnet, denn er ergriff die Gelegenheit und sprach sie an: »Ich habe Sie mit meiner kleinen Gratisvorstellung zum Lachen gebracht, das freut mich sehr.«

Liana blieb halb verdutzt, halb amüsiert stehen. Es wurde ihr bewusst, dass sie ihren üblichen abweisenden Schutz–Gesichtsausdruck angesichts dieses wunderschönen Tages völlig vergessen hatte. »Und was wollen Sie mir nun damit sagen?«, entgegnete sie nicht unfreundlich, denn erstens war sie ziemlich gut gestimmt, und zweitens war ihr der Mann auch spontan sympathisch.

»Ich würde Sie gerne auf ein Eis oder einen Kaffee einladen, vielleicht könnte ich Sie noch ein wenig länger amüsieren? Mein Name ist Krysztof Brdczisko. Aber da sich sowieso niemand meinen Namen merken kann, nennen Sie mich doch bitte einfach ‚Kris‘.«

»Melanie«, nannte Liana ihren bürgerlichen Namen, sie wusste nicht einmal genau, warum. Eigentlich hieß sie ja schon lange nicht mehr so. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie jetzt nicht Liana sein. Ohne lang nachzudenken, sagte sie zu, und die beiden gingen in eine nahe gelegene Eisdiele.

Dort unterhielten sie sich ausgezeichnet. Liana war nach Alains Tod lang allein gewesen und seit Rainers Einzug hatte sie ebenfalls die Tage einsam verbringen müssen, bis er ihr endlich Kleidung gekauft und ihr erlaubt hatte, das Haus zu verlassen, wann immer sie wollte. So hatte sie ihr Fitness–Training wieder aufgenommen und ging shoppen und spazieren. Die tiefe Traurigkeit, die sie die letzten Monate fest im Griff gehabt hatte, begann sich nun langsam zu lichten, und schöne Tage wie dieser trugen ihren Teil dazu bei.

Kris war Abteilungsleiter eines Warenhauses in der City, wie er Liana bereitwillig erzählte. Er war Sohn polnischer Einwanderer, selbst aber hier geboren und aufgewachsen. Er war alleinstehend, seine Freundin hatte sich im letzten Herbst von ihm getrennt. Während Liana nicht viel von sich erzählte, glaubte sie bald, alles über Kris zu wissen. Überraschend schnell neigte sich der Nachmittag dem Ende zu, und sie stellte bei einem Blick auf die Uhr erschrocken fest, dass Rainer in einer halben Stunde zuhause sein würde. Sie musste unbedingt vor ihm da sein. Hastig verabschiedete sie sich von Kris, und als dieser sie um ihre Telefonnummer bat, verweigerte sie es ihm.

»Gib mir lieber deine, ich ruf dich dann an«, sagte sie.

Er schrieb sie auf eine Serviette, die Liana einsteckte, bevor sie nach Hause eilte.

Rainer führte ein sehr regelmäßiges Leben. Es würde nie vorkommen, dass er früher oder später als erwartet nach Hause käme. Liana war noch rechtzeitig da und bereitete ein einfaches Nudelgericht vor, das sie pünktlich auf den Tisch stellte, als Rainer eben um die Ecke bog. Wie immer hatte er den Türschlüssel bereits in der Hand, als er vor der Tür ankam, und wie immer öffnete ihm Liana die Tür, bevor er diesen ins Schloss stecken konnte. Er trat ein, sie nahm ihm die leichte Sommerjacke ab, kniete sich nieder und zog ihm die Schuhe aus, wartete auf den Knien, bis Rainer weiter durch den Flur zur Treppe gegangen war, und folgte ihm dann hinauf. Als er sich an den gedeckten Tisch setzte, kniete sie sich neben ihn. So war das gewohnte Ritual. Doch Rainer runzelte die Stirn, als er das ungewohnt einfache Essen sah.

»Kein Salat? Tomatensauce aus der Dose?«, fragte er, nachdem er den ersten Bissen genommen hatte.

Liana errötete. »Ich war spazieren, Herr, und habe nicht auf die Zeit geachtet.«

Rainer sagte nichts weiter dazu, doch er fütterte seine Sklavin an diesem Abend nicht.

Diese errötete womöglich noch mehr, als ihr klar wurde, dass sie nun nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Hatte sie gelogen? Nicht direkt. Aber sie hatte Kris verschwiegen. Warum eigentlich? Es war ja nichts vorgefallen, dessen sie sich schämen müsste. Schon machte sie den Mund auf, um Rainer davon zu erzählen, aber dann ließ sie es bleiben. Sie war nackt. Ihr Herr hatte offenbar im Moment nicht das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen.

Erst nach dem Essen, als er sich ins Wohnzimmer begab, winkte er sie vor sich auf den Boden, stellte ihr die Füße auf die Oberschenkel und begann: »Du hast deine Pflichten mir gegenüber vergessen, weil heute so ein schöner Tag war, wenn ich dich richtig verstehe?«

»Ja, Herr.« Keine Ausflüchte, keine Rechtfertigungsversuche. Das war ihre Art. Sie konnte zu ihren Fehlern stehen, und sie konnte die Strafen dafür annehmen. Und doch war es diesmal anders. Sie hatte nicht alles gesagt. Siedend heiß fiel ihr ihre Handtasche ein. Mit der Serviette darin. Auf der die Telefonnummer von Kris stand. Wenn er sie nur fragen würde, was sie an diesem Nachmittag unternommen hatte, dann würde sie es ihm erzählen. Aber sie konnte nicht von sich aus sprechen. Also schwieg sie und verpasste so sie die Gelegenheit, Rainer unverfänglich von diesem ersten Treffen mit Kris zu erzählen.

»Und was soll diese Nachlässigkeit nun für Folgen haben?«, fragte Rainer stattdessen.

»Sie werden mich angemessen bestrafen, Herr.«

Rainer äußerte sich zunächst nicht dazu, sondern blickte Liana nur ernst an. So lange, bis ihr unbehaglich zumute wurde, und sie Gänsehaut über ihren nackten Leib wandern fühlte.

»Legst du es denn manchmal darauf an, bestraft zu werden?«, fuhr er endlich fort.

»Ich habe heute einen Fehler begangen, Herr. Es war nicht absichtlich«, beteuerte Liana, nun doch ausweichend.

»Und sonst? Kommt es vor, dass du dir etwas zuschulden kommen lässt, um bestraft zu werden?«

»Es kam schon vor«, gestand sie nach einer kurzen Pause schließlich offen. Sie fühlte diese besondere Erregung in sich aufsteigen, und ihre Atmung wurde schneller. Dies entging Rainer nicht, ebensowenig, wie die Verhärtung ihrer Brustwarzen. Sie würde heute bestraft werden, das war beiden klar. Aber in welcher Form genau? Einmal mehr überraschte sie ihr Herr mit seiner unverbrauchten, klaren und manchmal unerwartet anderen Sicht der Dinge.

»Wenn du etwas mit der Absicht tust, dafür bestraft zu werden, Liana, dann ist das eine unverschämte Manipulation. Du möchtest meine Sklavin sein, nicht wahr?«

»Ja, Herr«, bestätigte sie abwartend.

»Nun, dann brauche ich keinen Vorwand, um dir Schmerz zuzufügen. Es muss keine Strafe sein. Ich kann dich quälen, einfach weil es mir Spaß macht, mir Lust bereitet. Du bist schließlich mein Eigentum.« Er nahm seine Füße von ihr, beugte sich vor, packte ihre linke Brustwarze und zog drehend daran. »Oder siehst du das anders?«

»Nein, Herr«, sagte sie schnell, keuchend.

Er ließ sie wieder los. »Was ist also der Unterschied zwischen meinem Vergnügen und deiner Strafe?«

Sie dachte darüber nach, aber sie wusste keine Antwort. Weil ihr Herr wortlos wartete, sagte sie schließlich doch: »Ich weiß darauf keine Antwort, Herr.« In Wirklichkeit war es ja noch komplizierter. Sie wusste, dass er wusste, dass schon der Gedanke an Strafe sie erregte.

Und wirklich bohrte er weiter: »Dazu kommt, dass du eine kleine Masochistin bist. Es macht dich ja geil, Schmerzen zu erfahren, stimmt’s?«

»Bis zu einem gewissen Punkt, ja Herr«, schränkte sie ein.

»Ja, aber ich fürchte, dieser Punkt ist irgendwo, wo ich dir ernsthafte Verletzungen zufügen müsste. Und das will ich nicht. Ich will deine Schönheit und deine zarte Haut genießen und nicht eine Ansammlung von Wunden und Blutergüssen.«

Liana schwieg. Sie würde nicht widersprechen. Schmerz bereitete ihr Lust, ja, auch Schmerz bis aufs Blut. Doch sie liebte auch ihren Körper und sie mochte es nicht, wenn er verunstaltet wurde.

»Wir sind uns also einig, dass deine Strafe anders sein muss als das, was dir Lustgewinn bereitet. Komm mit.« Damit stand er auf und ging voraus in den Keller. Liana folgte ihm bebend. Was hatte er vor?

 


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