Suspension Bridge Effect

1974 veröffentlichten die Psychologen Donald Dutton und Art Aron eine Studie, die sie in einem Naturpark in Vancouver durchgeführt hatten. Die Forscher wollten herausfinden, ob die Einschätzung der Attraktivität einer Frau von den Umständen der Begegnung abhängt. Dazu postierten sie auf zwei Routen jeweils eine junge, hübsche Frau, die zum Forscherteam gehörte und vorbeigehende Männer zur Teilnahme an einer Umfrage animierte und ihnen zum Abschluss sogar ihre Telefonnummer gab. Eine der beiden Frauen stand auf einer normalen stabilen Brücke, die andere auf einer wackeligen, nur 1,50 Meter breiten und 70 Meter hohen Hängebrücke.

Die Forscherin auf der stabilen Betonbrücke erhielt fast keine Anrufe, während die Schönheit auf der Hängebrücke viele Männerherzen höherschlagen ließ und die junge Forscherin sich deshalb vor Anrufen kaum retten konnte.

Verliebt man sich gar nicht in die Person, sondern in die Situation, in der man dies Person trifft?

Dieses Experiment ist ebenso berühmt wie berüchtigt, denn es wird in der populärwissenschaftlichen Literatur immer wieder erwähnt. Das dieses Experiment rein formal nicht unproblematisch ist, wird von den Autoren unter den Tisch fallen gelassen. Die Anzahl der Studienobjekte (=der teilnehmenden Männer) betrug nur 85, was viel zu wenig ist. Zudem war die Stichprobe nicht randomisiert, d. h. es gab keine Kontrollgruppe. Eine alternative Erklärung für den festgestellten Effekt wäre ganz einfach und viel schlüssiger: Für den Weg über die gefährlichere Hängebrücke hatten sich solche Männer entschlossen, die von vorneherein viel draufgängerischer waren. Logisch dass die dann auch anrufen, während die „Feiglinge“, die nur die sichere Route gewählt haben … usw.

Dass die Kritik an der ursprünglichen Studie berechtigt ist, ändert am Ergebnis nichts. Das Experiment wurde inzwischen vielfach wiederholt, sowohl in seiner ursprünglichen Variante als auch in Abwandlungen. Der Effekt ist bei Psychologen als „Fehlattribution der Erregung“ bekannt. Das Ergebnis geht Hand in Hand mit der „zwei Komponententheorie der Emotion“ des Psychologen Schacher: Demnach bedarf es zweier Komponenten, um Attraktion zu verspüren: Erstens der körperliche Aktivierung bzw. Erregung, sowie zweitens einer entsprechenden Interpretierung dieser Erregung.

Wenn wir unmittelbar nach einer aufregenden Situation oder auch nach starker körperlicher Anstrengung auf einen sexuell anziehenden Menschen treffen, so reagieren wir darauf emotional heftiger, als wenn wir ihn in einer neutralen Situation getroffen hätten. Das heißt, die körperliche Erregung (z. B. durch Angst, Sport usw.) wird fälschlicherweise als Verliebtheit interpretiert.

Dem Romantiker und der Romantikerin werden solche Überlegungen überhaupt nicht gefallen. Das Ideal des einen Seelenpartners, den es zu finden gilt, um das ewige Glück sicher zu stellen, ist damit jedenfalls scheinbar erstmal erledigt. Aber ganz so beliebig ist es dann doch nicht. Vielmehr ist es ein weiterer Puzzlestein im Rätsel von Liebe und Anziehung. Es muss ja auch nicht gleich der Soulmate sein, mit dem/der wir völlig auf einer Wellenlänge schwingen.

Sich in jemand zu verlieben, der gerne mit uns tolle und aufregende Abenteuer unternimmt, kleine wie große, das ist doch toll. Aus solchen Experimenten können wir lernen, dass berauschende gemeinsame Erfahrungen, die romantische Liebe anregen. Paare, die gerne neue, spannende Erfahrungen sammeln, sind deshalb auch nachweislich zufriedener mit sich selbst und mit ihrer Partnerschaft.

Und diese Erkenntnis sollte man vielleicht beim nächsten Date berücksichtigen und sich eine entsprechende Location aussuchen 😉

Ein Gedanke zu „Suspension Bridge Effect“

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