Chitin 16

Sechzehn

Lange lag Leena nur bewegungslos in der Fähre, die sicher im Dock der ›Santa Maria‹ ruhte. Alles war sinnlos geworden. Sie wollte nur noch die Außenschleuse öffnen und Ivan folgen. Doch es fehlte ihr die Kraft, um aufzustehen und auf den Knopf zu drücken. Ein Alarmton marterte ihr Gehirn. Der Bordcomputer des Shuttle registrierte, dass sie bewegungslos auf dem Boden lag, und rief um Hilfe. Ein sinnloser, an den Nerven zerrender Alarmton, der niemanden erreichen konnte. Diese Situation war von den Programmierern nicht vorhergesehen worden, dachte Leena mit einem bitteren, stummen Lachen, das in einen Weinkrampf überging. Es fehlte ein Euthanasiemodul, das sie von ihrem Elend erlösen könnte. Sie hatte Hunger und Durst. Sie wollte tot sein, aber ihr Körper wollte leben. Sie hatte nicht den Mut und nicht die Kraft, zu sterben. Sie konnte nicht tot sein, ohne vorher zu sterben.

Aber sie wollte tot sein. Sie musste sterben.

Mühsam schleppte sie sich zur Schleuse und zog sich an der Wand hoch. Dann realisierte sie, dass der Schleusenmechanismus sie nicht ins All schleudern würde, sondern nur den Weg in die ›Santa Maria‹ freigab – die Fähre war ja angedockt. Mit einem erneuten bitteren Lachen drückte sie auf den Knopf und ging ins Schiff. Der Alarm verstummte endlich.
Die vertraute Umgebung brachte ihr ein wenig Ruhe zurück. Sie musste erst einmal nachdenken.

»Synth: Porridge und einen Whisky«, befahl sie dem Schiff. ›Porridge‹ war die euphemistische Bezeichnung, die sie der Pampe gegeben hatten, die der Synth aus dem rezyklierten Bio-Abfall, vermischt mit den Algen aus den hydroponischen Tanks herstellen konnte. Nährstoffreich und gesund, zweifellos. Es schmeckte auch gar nicht mal schlecht. Aber das unappetitliche Aussehen hatten die Ingenieure bis zum Startzeitpunkt nie weg bekommen. »Grüne Scheiße« war noch eine der netteren Bezeichnungen dafür gewesen. Die Besatzung hatte sich abgemüht, durch Veränderung der Parameter und viel Handarbeit, sowie einigen Zutaten aus den nicht-rezyklierten Vorräten etwas Appetitliches daraus zu machen. Manchmal war es auch gelungen. Die Kajiras allerdings, bekamen nur Porridge, denn das konnte der Synth in jeder gewünschten Menge und mit exakt angepasstem Kaloriengehalt herstellen. Irgendwann hatten sie sich an den Geschmack gewöhnt. Wer sich weigerte, wurde mit der Magensonde zwangsernährt und anschließend mit Knebel und Fesselung am Erbrechen gehindert. Es gab nicht viele, die sich weigerten.

Leena brachte dem Porridge keine besonderen Gefühle entgegen. Es war ein Mittel, um zu Kraft zu kommen, das war alles. Der Whisky dagegen war recht gut. Whisky ist chemisch relativ einfach. Einfacher, als etwa ein guter Wein. Am Anfang der Reise hatte es öfters Orgien gegeben, bei denen die Qualitäten des Whiskys getestet worden waren. Seit der Umstellung allerdings hatten die Frauen allenfalls noch bei ihren Herren nippen dürfen.
»Alkoholische Getränke sind Kajiras nicht erlaubt«, meldete sich jetzt auch prompt der Synth, »Alternative, bitte?«

»Dann eben Wasser«, seufzte Leena. Sie hatte im Moment nicht die Kraft, sich mit dem Schiffscomputer anzulegen. Irgendwann würde er in ein elektronisches Dilemma geraten, wenn ihm aufging, dass sie zwar eine rechtlose Kajira, aber gleichzeitig auch das letzte und damit ranghöchste Mitglied der Besatzung war und somit Administrator-Zugriff erhalten musste. Möglicherweise würden ihm dann ein paar seiner arroganten Schaltkreise durchbrennen, hoffte sie.

Das Essen und Trinken belebte Leena. Sie war immer noch deprimiert und hoffnungslos, aber ihr Kampfgeist begann, sich zu regen. Die Teilnehmer der Expedition waren ja nicht zuletzt auch nach mentaler Stabilität und Überlebenswille ausgesucht worden. Sie war der letzte Mensch hier, und vielleicht der letzte Mensch überhaupt. Es war durchaus nicht sicher, ob auf der Erde noch jemand lebte.

Mürrisch betrachtete sie ihr verzerrtes Bild in der glänzenden Wand des Synth. Das Hundehalsband! Sie sprang auf und eilte in den Mehrzweckraum. Das Werkzeugboard war natürlich verschlossen. Sie griff einen Stuhl und schlug wütend auf die Schranktür ein. Es war kein Sicherheitsschrank. Er war nur verschlossen, damit die Kajiras nichts herausnehmen konnten, was man als Waffe missbrauchen könnte. Aber einer Serie von  heftigen Hieben mit einem metallenen Stuhl konnte die Tür nicht standhalten. Darin fand Leena, was sie suchte. Entschlossen setzte sie die Nanotrennzange an und entfernte die Kette, die sie seit so vielen Wochen als Sklavin gekennzeichnet hatte. Als Nächstes griff sie an ihre linke Brust. In der Warze steckte ein Ring aus einer Titan-Silber-Legierung. Sie erinnerte sich, wie sie ihn bekommen hatte:

Alle Kajiras waren Besitz aller Männer, so hatte es der Kommandant bestimmt. Zumindest für den Rest der Reise sollte das gelten. Auf New Hope würde man sich dann erneut Gedanken dazu machen. Doch für jetzt waren alle damit einverstanden, dass sie einander gründlich kennenlernen konnten und ausreichend Abwechslung in den Kojen hatten. Doch weil niemand eine Kajira allein besaß, konnte auch niemand sie nach seinen Wünschen modifizieren. So hatte man die Inspektionen eingeführt. Jeden Abend, nach dem Essen, wurde eine der Frauen gründlich besprochen. Sie musste in Display gehen, und man diskutierte ihre körperlichen und charakterlichen Vor- und Nachteile sowie die Qualität ihrer sexuellen Dienste. Gab sie zu Klagen Anlass, folgte zunächst die öffentliche Bestrafung.

Danach debattierte man über Optimierungsmaßnahmen. Besonders in der ersten Zeit hatten die Vorschläge tief in die finsteren Fantasien der Männer blicken lassen. Operative Veränderungen der Brüste, des Mundes und der Schamlippen waren noch harmlos. Weiter ging es mit dem Wunsch, die Klitoris zu entfernen, über chirurgische Schwächung von Schließmuskeln, bis hin zu Eingriffen am Gehirn. Glücklicherweise hatte Roger schnell klar gemacht, dass keine größeren Veränderungen gemacht würden, solange die Kajiras noch Kollektiveigentum waren. Auch kamen keine Veränderungen in Frage, die die Fähigkeiten der Frauen als Besatzungsmitglieder schwächen würde. Denn die Expedition war ja auf sie und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten angewiesen. Schließlich sprach man vorwiegend über Kopf- und Schamhaarfrisuren, sowie das Körpergewicht. Leena, die mit ihrer Körpergröße und ihrem selbstbewussten Kurzhaarschnitt auf einige der Männer eher einschüchternd wirkte, musste ihr Kopfhaar wachsen lassen und das Schamhaar vollständig abrasieren, um mädchenhafter zu wirken. Außerdem befahl man ihr eine Gewichtsreduktion um zehn Kilogramm. Die ersten Wochen hatte sie fast gar nichts zu Essen bekommen. Und beim Sex wurde sie oft gequält. Vor allem den schwächeren der Männer bereitete es Freude, sie, die selbstsichere Schwedin zu erniedrigen. Ihre großen, festen Brüste weckten die Fantasien der Männer und wurden oft abgebunden und mit Klemmen und Nadeln traktiert. Und natürlich war es auch Leena gewesen, die den ersten Nippelring bekam.

»Zusätzliche Befestigungsmöglichkeit«, hatte Paul vorgeschlagen, als Roger bei Leenas Inspektion nach Vorschlägen fragte. »Wie meinst du das?«, fragte Rob. Paul trat nach vorne und packte Leena roh an den Nippeln. »Hier Ringe durch, dann kann man sie besser befestigen.«

Leena schwieg. Sie hatte zu schweigen. Paul war einer der schüchterneren Männer gewesen. Sie wusste nicht, ob sie überhaupt schon einmal mit ihm geschlafen hatte. Jetzt quetschte er ihre Brustwarzen so heftig, dass sie es kaum schaffte, ruhig stehenzubleiben. Am liebsten hätte sie ihn geschlagen. Tränen des Schmerzes, der Scham und der Wut traten in ihre Augen.

Natürlich waren die Männer begeistert von dem Vorschlag. Mit acht Stimmen, einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen wurden die Piercings beschlossen, allerdings zunächst nur auf einer Seite. Dann diskutierten die Männer, welches Material dafür am besten geeignet wäre, während Leena weiterhin in Display-Stellung verharren musste. Endlich schlug der Metallurge Robin vor, biegsame Nadeln aus Titan-Silber herzustellen, und diese nach dem Einsetzen als Ring zu verschweißen. Der Vorteil dieser Legierung war, dass sie hohe Festigkeit versprach, und dass sie vermutlich biologisch gut verträglich war. Und last, but not least, dass sie sich mit dem an Bord befindlichen Equipment herstellen ließ. Für das Silber konnte man Leenas existierenden Schmuck einschmelzen, und Titan hatten sie tonnenweise an Bord.

Das Armkettchen hatte Leena von ihrer Großmutter zum achtzehnten Geburtstag bekommen. Es war das Wertvollste, was sie besaß. Goldschmuck konnte sich das gewöhnliche Volk schon lange nicht mehr leisten, aber auch dieses Silberkettchen musste einen erheblichen Teil der Ersparnisse der alten Dame aufgefressen haben. Als Robin es in die Schmelze warf, konnte Leena ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ricarda, die Ärztin, bekam den Auftrag, die frisch hergestellte Titannadel einzusetzen. Ohne viele Umstände packte sie Leenas linke Brustwarze, zog sie heraus und schob die Nadel quer durch. Es schmerzte weniger, als erwartet. Danach schweißte Robin die Enden zusammen. Alle bewunderten das silbrig glänzende Schmuckstück und alle wollten daran zupfen, aber Ricarda bat darum, die Wunde eine Woche heilen zu lassen. Weil noch Schmelze übrig war, beschloss die Besatzung ad hoc, auch Ricarda zu beringen. Roger ließ es sich nicht nehmen, es diesmal selber zu machen. Er war damit deutlich weniger geschickt, als Ricarda zuvor bei Leena. Aber niemand achtete auf die Tränen der Bordärztin.

Am Ende hatten fast alle Kajiras Ringe erhalten. Die meisten nur einen, einige aber auch in beiden Brustwarzen, Alena und Cindy zusätzlich auch an den Schamlippen und der Klitoris. Lynn hatte einen Ring durch die Zunge bekommen. Nur Gianna war unberingt geblieben, weil Lyell sein energisches Veto eingelegt hatte.

Und jetzt waren die Männer alle tot, und die meisten Frauen ebenso. Angewidert packte Leena ihren Ring, hielt die Trennzange daran und zerschnitt ihn. Als sie ihn herauszog, fügte der scharfe Trennrand ihr eine Verletzung an der Brustwarze zu, die leicht blutete. Mit verächtlichem Schnauben warf Leena die Reste der Halskette und des Brustrings in den Recycler.
Sie war keine Kajira mehr.

 


weiter  geht es hier mit Chitin – Teil 17

vorheriger Teil von Chitin


 NEWSLETTER

Verpasse keine News mehr, keine Fun Sex Facts, keine Neuerscheinungen. Erfahre von neuen Buchprojekten vor allen anderen.

Einfach den Newsletter abonnieren und du bist immer auf dem neuesten Stand.

 




2 Gedanken zu „Chitin 16“

Kommentar verfassen