Ja heißt Ja! Consent Culture

imageKürzlich habe ich beim Stöbern im Netz etwas entdeckt, das sich Zustimmungskonzept, Ja-heisst-Ja oder auch Consent-Culture nennt.

Eine Consent-Culture ist eine Kultur, in der gegenseitiges Einverständnis ein wiederkehrender Aspekt von sexuellen Handlungen – tatsächlich über menschliche Interaktion – ist. Es ist eine Kultur, mit einem Horror davor, jemanden zu etwas zu zwingen und mit Respekt vor der absoluten Notwendigkeit zur körperlichen Autonomie. Eine Kultur, die glaubt, dass jeder Mensch selbst am Besten weiß, was er/sie braucht und möchte. (Zitiert vom Blog Feminismus101)

 

Die Consent Culture ist der Gegenentwurf zur Rape Culture, wobei diese definiert wird als „soziale Milieus oder Gesellschaften, in denen Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt verbreitet sind und weitgehend toleriert oder geduldet werden“ (Quelle: Wikipedia).
Ihr fragt Euch vielleicht, warum ich feministische Blogs lese. Das tue ich, weil ich es mir nicht nur in dieser Frage angewöhnt habe, es mir nicht zu bequem zu machen in (m)einem Nest aus Überzeugungen und Vorurteilen. Der obige Artikel listet jedenfalls 11 Punkte, wie jeder einzelne von uns zu einer Konsens-Kultur beitragen kann.

1. Vergewaltige niemanden
2. Wenn jemand keinen Sex mit dir will, und ihr es deswegen lasst, sprich darüber
3. Wenn dir jemand davon erzählt, wie er jemanden durch psychischen Druck oder Tricks zum Sex gebracht hat
4. Wenn du etwas siehst, dass auf dich wie Missbrauch oder nicht-einvernehmlich wirkt, …
5. Frage nach, bevor du jemanden berührst.
6. Verhandle Sex!
7. Verhandle Sex neu!
8. Lerne, Konsens zu lieben.
9. Lerne, ein „Nein“ anzuerkennen.
10. Rede über Konsens.
11. Konsens, nicht nur im Schlafzimmer.

Hell Yeah! Ich hasse soziale Normen, die mich zu allerlei Unsinn zwingen. Das geht beim Händeschütteln los, über Umarmungen, Küsschen-links-rechts-links bis hin zu diesen irrsinnig komplizierten Hand-Shake-Ritualen in manchen meist männlich dominierten Zirkeln. Wenn man diese Spielchen nicht mitmachen will, bleibt einem oft nur die Option, Kreise in denen deartiges rituell praktiziert wird, gänzlich zu vermeiden. Gelegentlich muss man seinen Unwillen, an solcherlei Unsinn teilzunehmen, sogar sehr aggressiv kommunizieren, wodurch man beinahe zum sozialen Outkast wird. Ich möchte mir das einfach gerne selbst aussuchen, wen ich berühre, vom wem ich mich umarmen lasse, wen ich mit Küsschen begrüße. Ich möchte nicht mal smalltalken mit Leuten, die mich nicht weiter interessieren. Soll ich mir etwa die Lebens- und Leidensgeschichte von jemandem anhören, nur weil er ein Kollege ist, mit dem ich zufällig mal ’ne Stunde auf einen Auftraggeber warten muss?

Nun gut, es geht aber nicht um meine nerdigen antisozialen Anwandlungen, sondern um die Vermeidung von – nennen wir das Kind beim Namen – sexistisch motivierter Gewalt.
Ganz ehrlich, ich bin zwar wahrscheinlich schon so ‘ne Art Macho – wenn auch auf meine eigenen Art. Trotzdem kann ich an dem oben verlinkten feministischen Dokument nichts finden, gegen das ich groß Widerspruch erheben möchte. Selbstverständlich hat man(n) sich vorher zu vergewissern, ob Konsens besteht, vor jeder sexuellen Handlung, im Kontext eines Dates vor einer Berührung oder einem Kuss. Selbstverständlich hat man(n) ein Nein zu akzeptieren – es sei denn, man spielt gerade ein Rape-Game. Auf gar keinen Fall schaut man weg, wenn man Zeuge von nicht-einvernehmlichen Handlungen wird. Vielleicht sind diese Forderungen für einen BDSM-ler leichter zu akzeptieren, denn bei ‚uns‘ gehört es  doch zum Grundhandwerk dazu. (Btw die Autorin scheint ebenfalls SM-lerin zu sein).

Ich wehre mich allerdings dagegen, dass die Herstellung von Konsens zwingend verbal stattfinden muss. Im Onyx-Blog heisst es in den Kommentaren zum gleichen Thema:

Ich fände die Vorstellung eines Mannes, der mir nach einem schönen Date tief in die Augen schaut, vielleicht mit einer meiner Haarlocke spielt oder mich leicht im Gesicht berührt und dann haucht “Darf ich dich küssen?” unheimlich sexy.

Ich möchte die Autorin fragen: Ehrlich? Ich finde das total unerotisch und absolut unromantisch. Die Vorstellung, dass ich beim Kuss und bei jedem nachfolgenden Schritt nachfragen muss, ist gerade zu absurd. Falls es auf dem Spektrum feministischer Ideologien politische Absicht ist, diese spezifische Form der Konsenskultur zu gesellschaftlichen Norm zu erheben, fände ich das regelrecht erschreckend. Natürlich überlasse ich es jeder Frau ebenso wie jedem Mann, zu entscheiden, wie sie ihre romantischen und erotischen Bedürfnisse definiert und auslebt, muss mich aber schlicht inkompatibel zu dieser Absicht erklären.

Gehen wir nochmal einen Schritt zurück, zu Punkt 11. Konsens, nicht nur im Schlafzimmer, Zitat:

Menschen zu zwingen, Bestimmtes zu tun. Streich den Scheiß aus deinem Leben. Wenn jemand nicht auf eine Party will, ein neues Gericht ausprobieren will, aufstehen und tanzen, Smalltalk am Mittagstisch — das ist ihr gutes Recht. Hör auf mit „ach komm schon“ und „nur dieses eine Mal“ und all die Spielchen bei denen man jemanden dazu bringt, mitzumachen. Akzeptiere, dass nein auch nein bedeutet – jedes Mal.***|||||* Unabhängig davon, was notwendig für ihre Gesundheit und Bildung ist (und selbst da ist es zweifelhaft), bin ich auch der Meinung, dass man das auch nicht mit Kindern machen sollte.

Ich stimme zu, bin aber in Nuancen anderer Meinung. Ich fange jetzt gar nicht an mit D/s, wo der oder die Bottom dem oder der Top diverse Rechte einräumt. Ganz simpel gesagt, gehe mal jeder tief in sich und stelle sich die Frage: Kann man das wirklich so allgemein sagen? Ist es nicht vielmehr so, dass jeder von uns, ganz gleich ob Mann oder Frau, ganz gleich ob Dom oder Sub, manchen Überredungsversuch benötigt, weil unser Leben sonst viel langweiliger wäre? Sind nicht die Abende, wo unsere besten Freunde anrufen und uns zu einer Party überreden, manchmal die besten? Oder man geht mit Freunden durch die Stadt und einer schlägt spontan vor, ins Kino zu gehen. Man kratzt sich den Kopf und fragt, „Was? Regisseur Doug Liman, den Namen hab ich noch nie gehört. Matt Damon? Das ist doch die kleine Schwuchtel aus Saving Privat Ryan und Oceans 11, der soll jetzt Actionstar sein. Ne ne, vergesst es!“ Aber irgendwer hat den Trailer gesehen und ein anderer ‘ne Kritik gelesen und dann gibt man dem Gruppenzwang nach und kommt in den Genuss des  revolutionär guten Actionfilms ‚Bourne Identity‘, der beste seines Jahrzehnts. Ganz zu schweigen von der eigenen Partnerin, ganz egal, ob man eine Vanilla oder sogar eine D/s-Beziehung mit EPE hat, wo man als Dom eigentlich das Sexleben kontrolliert (oder es sich zumindest einredet 😉  ). Man kommt total gestresst und kaputt von der Arbeit nach Haus, möchte einfach nur seine Ruhe, am allerwenigstens möchte man Sex. Nichtmal nachdenken darüber, möchte man. Aber Freundin oder Subbilein weiss natürlich auch, welche Knöpfe sie drücken muss, setzt ihre Reize ein oder provoziert in den etwas kaputteren Beziehungen einen Streit, weil sie auf den heiss-harten Versöhnungssex danach spekuliert. So oder so, ob Frau oder Sub, sie bekommt am Ende oft, wonach ihr Herz oder auch ihre Pussy begehrt.

Klar, die allermeisten Überredungsversuche von den allermeisten Menschen sind nichts anderes als nervig und gehören verboten. Aber es gibt zumindest in meinem Leben einen kleinen, sehr exklusiven Kreis an Personen, zu dem die besten Freunde, die jeweilige Partnerin und vielleicht noch ein oder zwei Familienmitglieder gehören, denen ich Überredungsversuche gestatte und ihnen gelegentlich nachgebe. Und es gibt einen nicht deckungsgleichen Kreis von Personen, wo ich es mir meinerseits erlaube, nicht jedes Nein zu akzeptieren, wo ich nachhake und vielleicht überrede. Mein Leben, und ich glaube das gilt für viele andere auch, wäre um einige tolle Erfahrungen ärmer, wenn ich nicht manchmal nachgegeben hätte.

Nachdem das geklärt ist, müssen wir uns allerdings noch einer Frage stellen. Können wir sicherstellen, dass es nicht zu Übergriffen kommt? Einige von uns – Männlein und ich glaube auch Weiblein – widersetzen sich nämlich der Absicht, schrittweise verbale Konsenserklärung vom ersten Date bis hin zum Schlafzimmer zur gesellschaftlichen Norm zu erheben. (Die Betonung liegt hier ausdrücklich auf Schlafzimmer, wir beschränken uns also auf Vanilla-Dates bzw. auf solche die nicht explizit im BDSM-Kontext stattfinden. Wo es um verbalen Einwilligung vom ‚ersten Kuss bis zum Dungeon‘ geht, sollten wir BDSM-ler kein Problem mit explizitem Konsens haben.) Da, wo wir nicht verbal kommunizieren wollen, müssen wir es non-verbal tun. Ich gehe auf jeden Fall liebend gerne das Risiko ein, irgendwo auf dem Weg zum Schlafzimmer mit meinen non-verbalen Bemühungen ins Leere zu laufen oder, falls ich subtile non-verbale Signale übersehe, eine verbale Abfuhr zu kassieren.

PS: Über verschiedene Episoden mit mehr oder weniger subtilen Abfuhren, die ich kassiert habe, lasse ich demnächst mein Alter Ego Drexler berichten.


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4 Gedanken zu „Ja heißt Ja! Consent Culture“

  1. Lieber Tomasz,

    OMG…was hab ich denn verpasst und wie haben mir Deine Geschichten gefehlt, diese besonders, dazu könnte ich mindestens eine Seite schreiben, aber um es kurz zu machen:

    Ich entscheide auch, wer mir z. B. Küsschen da und Küsschen hier gibt…auch mag ich gar nicht, dass jeder bei Facebook sagt Liebes und die Leute kenne sich noch nicht mal und danach wenn man zu offen kommentiert wird man in den Dreck getreten. Ich will nicht verleugnen, dass ich auch Liebes sage, aber da, wo ich es für richtig halte und mit denen ich schon telefoniert habe. Aber wie Du schon schreibst, ab und zu gestatte ich das auch alles, um nicht aus der Reihe zu tanzen.
    Auch stimme ich Dir zu, dass die spontanen Sachen die Besten sind und da ich selbst sehr spontan bin, wird auch mit mir jede Party zum Erfolg.
    Auch beim Sex spontan sein, wenn man gar nicht daran denkt oder alles plant .. auch bin ich schon gefragt worden, ob es denn weh tut…sehr unerotisch und um das abzuschließen:
    Eine Abfuhr bekommt der Mann den ich liebe, nie. Ich lasse mich immer gerne überraschen.

    Deine Marion

  2. Yes means Yes ist etwas für Leute mit einem Trauma, die besonders vorsichtig vorgehen wollen oder für Autisten, die Reaktionen anderer nicht einschätzen können.

    Abgesehen davon scheint es mir wenig sinnvoll. Im BDSM-Bereich dürfte es auch bessere Konzepte geben.

    Aber natürlich jeder wie er will

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