Jahre in Chalkiev 30 – Epilog


Ein Blogroman von Salome M. in 30 Teilen über das Leben in einer von Gor inspirierten, aber modern aufgebauten Gemeinschaft, welche auf privatem Grund einer Gesellschaft von superreichen Männern existiert, die sich nicht mehr an bürgerliche Gesetze gebunden fühlen. Frauen sind Eigentum und Lustobjekte, können aber mit Einwilligung ihrer Herren auch modernen Berufen nachgehen.

Hier geht es zum ersten Teil von Chalkiev

Kapitel 30 – Epilog

Während ich dies schreibe, sitze ich in meiner kleinen Wohnung in einem Vorort von Amsterdam. Im Nebenzimmer schläft Anouk. Sie hatte gestern ihren ersten Geburtstag. Ich weiß nicht, ob ich ihr jemals die Umstände ihrer Geburt erzählen werde. Es ist eine schwierige Beziehung. Ich habe sie in ihren ersten Lebensmonaten nicht bei mir gehabt. Die Rolle einer Mutter war neu und ungewohnt für mich. Die Rolle eines Einzelkindes war neu und ungewohnt für sie. Sie kannte ja nur den Kinderhort der Gynäkothek. Ich habe aber den Eindruck, wir gewöhnen uns von Tag zu Tag besser aneinander. Die Niederlande sind ein angenehmes Land für alleinstehende Mütter. Alle möglichen Arten von Hilfe stehen offen. Ich habe uns ein beschauliches kleines Leben eingerichtet.

Allerdings ist es noch nicht wirklich mein Leben. Ich fühle mich, als wenn ich mir von außen beim Leben zusähe. Ich habe eine lockere Beziehung mit einer etwa gleichaltrigen Frau. Ein- oder zweimal die Woche übernachtet sie bei mir. Auch das ist schön in den Niederlanden: Niemand schaut ein lesbisches Paar schief an, oder traut einer lesbischen Frau nicht zu, eine gute Mutter zu sein. Dass ich nicht lesbisch bin, sondern bisexuell, weiß nicht mal meine Partnerin. Sie weiß auch nichts von meiner Vergangenheit als Sklavin. Ich habe ihr gesagt, Anouk stamme aus künstlicher Befruchtung. Das ist hier nicht ungewöhnlich.

Bin ich überhaupt noch eine Sklavin? Ich weiß es nicht. Ich glaube, Anouk hat meine Persönlichkeit irgendwie verändert. Eine Sklavin hätte doch niemals so gegen ihren Herrn revoltieren können!

Und noch etwas hat sich geändert: Ich fühle mich nicht mehr attraktiv. Man mag das als Äußerlichkeit abtun, aber es ist mehr. Attraktiv zu sein war Teil meiner Identität als Erwachsene. Man sagt mir, die Narbe auf meiner linken Wange sehe gar nicht so schlimm aus, aber ich kann meinen eigenen Anblick nicht mehr ertragen. Ich habe sogar vor Wut meinen Badezimmerspiegel kaputtgeschlagen. Wenn ich es mir mal leisten kann, möchte ich diese Narbe wegoperieren lassen. Wie eine hässliche Spinne sitzt sie auf meiner Wange. Ich habe meine Frisur geändert, so dass meine linke Gesichtshälfte meistens verdeckt ist. Auch am Körper bin ich noch gezeichnet. Eine Narbe schräg über meine rechte Brust, knapp unterhalb der Areole. Die anderen Striemen sind so verblasst, dass man sie nur noch knapp erahnen kann, wenn man genau hinschaut. Meiner Freundin habe ich etwas von einem Autounfall erzählt. Aber ich selber kann mich sehr gut daran erinnern, wie mir diese Wunden beigebracht worden sind. Das werde ich niemals vergessen. Scheißkerl. Niemals. Immerhin: Meine Möse funktioniert wieder. Eines Abends, etwa vier Wochen nach der Flucht, lag ich in der Badewanne und ließ meine Gedanken schweifen und meine Hände an mir herumwandern. Als ich aus alter Gewohnheit die Klitoris streichelte, fühlte es sich nicht mehr an wie Holz. Ein Funke Lust glomm auf. Rund eine Stunde später erlebte ich meinen ersten Orgasmus, seit mich Bernds Stromdildo kaputtgefickt hatte.

Nadu hilft mir immer noch, Ruhe und Stabilität zu finden. Ich nenne es allerdings nicht mehr Nadu, sondern Yoga. Aber ich tue es immer noch am liebsten nackt. Wenn Anouk größer ist, werde ich mir das wohl abgewöhnen müssen.

Ach ja, für unsere Geschichte hat sich niemand interessiert. Weder wollte das russische Militär oder die Polizei genauer wissen, wovor wir geflohen sind, noch irgendeine Zeitung. Wann immer der Name „Chalkiev AG“ fiel, ließ das Interesse an unserer Geschichte rapide nach. Zwar interviewte uns bei der Ankunft in Novosibirsk ein junger Journalist einer großen russischen Zeitung, der die Story seines Lebens witterte. In seinen Augen leuchtete schon die Vorfreude auf den Pulitzer-Preis, als er sich genau nach Namen und Orten erkundigte. Aber es erschien nie ein Artikel. Damit war das Thema für mich erledigt. Ich war einfach nur froh, weg zu sein.

Cora hatte mehr Drive als ich. Sie wollte nicht nur einfach untertauchen und ihre Ruhe haben, sondern sie wollte etwas bewirken. Die Welt auf Chalkiev aufmerksam machen. Den anderen versklavten Frauen helfen. Ich konnte sie dabei nicht unterstützen. Ich wollte für mich und Anouk Sicherheit und Normalität. Ich hatte und habe noch immer Angst vor dem langen Arm von Chalkiev. Cora hatte kein Verständnis dafür. Sie glaubte an Recht und Gerechtigkeit in der freien Welt. Bei unserem Abschied war sie sauer und sagte kaum ein Wort. Ich habe seitdem nie mehr etwas von ihr gehört. Wieder hatte ich es nicht geschafft, einen Menschen, der mir viel bedeutet, zu halten.

Aber am Schluss dieses Nachworts steht nun eine ganz andere, erschreckende Begebenheit: Heute morgen war ein unfrankierter Umschlag in meinem Briefkasten. Dieser Briefkasten ist nicht mit meinem richtigen Namen beschriftet. Auch die Wohnung ist nicht unter meinem richtigen Namen gemietet. Aber auf dem Umschlag stand nur ein Wort: „Salomé“. Ich fühlte mich, als ob mir jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt hätte. Ich habe den Umschlag zitternd mit in die Wohnung genommen und verschlossen auf den Tisch gelegt. Da lag er nun und starrte mich bösartig an. Den ganzen Tag. Erst jetzt, nachdem ich Anouk ins Bett gebracht habe, habe ich mich getraut, ihn zu öffnen. Es waren zwei Dinge darin: Ein Flugticket First Class Schiphol-Novosibirsk und ein Blatt Papier, auf dem in energischer, ausdrucksvoller, mir gut bekannter Handschrift auch wieder nur ein Wort stand: „Komm!“

Verdammt nochmal, wie kann ein einzelnes geschriebenes Wort dazu führen, dass mein Herz rast, und dass ich meine Wäsche nass mache?


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