Sprechstunde im Rathaus

„Du meinst das wirklich ernst?“ Ich lege eine lange Pause ein und sehe sie an. „Das ist die verrückteste Idee, von der ich jemals gehört habe.“ Ihre Miene ist ausdruckslos, doch ich erkenne an ihren Augen, dass sie die Enttäuschung nur mit Mühe verbergen kann. „Du befürchtest etwas zu verpassen, wenn du dich weiter total auf Beruf und Karriere konzentrierst, und deshalb bietest du an, dass ich … Wieso eigentlich ich?“
„Nachdem ich alle möglichen Alternativen geprüft habe, musste ich feststellen, dass du der einzige Kandidat bist.“ Auf ihren Lippen zeichnet sich ein schmales Lächeln ab. „Abgesehen davon, bist du die perfekte Wahl, wie ich von … mehreren zuverlässigen Quellen erfahren habe.“
Ich gebe mir nicht die Blöße nach ihren Quellen zu fragen. „Ich nehme das mal als Kompliment,“ erkläre ich vage. „Und wie lange denkst du schon über diesen ‚Plan‘ nach?“
„Seit ein paar Monaten.“
„Und wie lange hast du schon dieses Bedürfnis nach …“
„… Unterwerfung?
„Ja.“
„Schon lange. Bestimmt schon seit fünf, wenn nicht zehn Jahren. Es war nicht auf einmal da, es hat sich langsam entwickelt.“
„Und dann hat es wahrscheinlich gedauert bis du es erkannt und akzeptiert hast?“
„Genau.“
Wenn ich genau darüber nachdenke, macht ihr Vorschlag sogar Sinn – jedenfalls aus ihrer Sicht betrachtet. In ihrer Position kann sie es sich wirklich absolut nicht leisten, ein Profil im Joyclub anzulegen oder bei Fetisch.de auf die Suche nach einem Typen zu gehen, der ihr den Arsch versohlt und sie … ordentlich ran nimmt. Was soll eine Frau, die ein öffentliches Amt bekleidet, denn sonst tun? Ein Leben in totaler sexueller Frustration akzeptieren? Dafür ist sie mit Anfang 40 definitiv zu jung.
Die Frage „warum ich?“ liegt mir auf der Zunge, aber ich schlucke sie runter. Mein Selbstvertrauen ist durchaus gut entwickelt. Im Prinzip bin ich für derartige Bedürfnisse in der Tat der richtige Kandidat. Unsere kurze aber heftige Affäre ist zwar lange her, aber gewiss ein weiterer Punkt, der für mich spricht, und bei ihren Überlegungen eine Rolle spielte. Damals war ich zwar ebenfalls eher Vanilla unterwegs, und trotzdem ist das wirklich ein legitimer Anknüpfungspunkt für … was auch immer.
„Bin ich dir zu alt?“, fragt sie und unterbricht damit meinen Gedankenfluss. „Nicht hübsch genug und wahrscheinlich zu fett?“
„Quatsch“, antworte ich.
„Und woran liegt es dann?“
„Es ist …“, mir fällt es schwer, es auszusprechen. Es ist einfach so, dass ich ein ziemlich gemeiner Dom bin. Ein richtig fieser Drecksack mit einem deutlichen Hang zu sehr sadistischen Spielchen. Ich glaube einfach nicht, dass es das ist, worauf sie aus ist. Vielleicht ist eine kleine Demonstration hilfreich. Eine kurze und schmerzhafte Vorführung, damit sie erkennt, dass sie sich besser einen anderen sucht.
„Steh auf!“
Eine Schrecksekunde lang zögert sie, bevor sie sich erhebt. Auf meine Handbewegung hin umrundet sie den schweren Schreibtisch und kommt auf meine Seite.
„Lass dich mal ansehen!“, verlange ich.
Nun ist die professionelle Maske gefallen. Sie kann ihre Nervosität nicht mehr verbergen. Sichtlich nervös räuspert sie sich, schluckt aber schnell herunter, was immer sie hat sagen wollen. Ohne jede Hemmung nehme ich mein Vorrecht als Dom auf Probe in Anspruch und lasse meinen Blick wandern. Sie ist immer noch eine verdammt attraktive Frau —mehr denn je. Das ist gut zu erkennen, obwohl ihre Arbeitskleidung natürlich darauf angelegt ist, die weiblichen Reize zu verbergen.
„Hast du noch andere Sachen, als diese mausgrauen Kostüme?“
„Ja.“
„Ein Gedankenspiel: Mal angenommen, ich lasse mich auf deine Offerte ein. Wenn ich dich jetzt nach Hause schicke und dir auftrage, dich für mich hübsch und sexy zu machen, wie würdest du mich empfangen.“
Sie antwortet ohne Zögern. „Wie eine gute Sub würde ich dann vorher um genauere Anweisungen bitten.“
„Das klingt hölzern,“ behaupte ich, „beinahe einstudiert.“
Sie zuckt mit den Schultern. Verständlich, dass sie nicht antwortet. Ich kann sehen, wie sie nach der passenden Antwort ringt, auf diesen völlig an den Haaren herbeigezogenen Einwand.
„Dreh dich mal um! — Und jetzt über den Schreibtisch beugen! — Genau so.“ Gut hörbar ziehe ich meinen Gürtel aus den Schlaufen. Erschrocken dreht sie den Kopf. Mit großen Augen sieht sie mich an, als ich hinter sie trete.
„Willst du etwa hier …?“
„Wieso nicht? Nur ein kleiner Test. Oder ist das Büro der Bürgermeisterin etwa sakrosankt?“
„Solange es bei dem kleinen Test bleibt, wäre es in Ordnung.“
Meine Hand hebt sich und dann knallt mein Ledergürtel zum ersten Mal mit einem satten Klatschen auf ihren famosen, üppigen Hintern.
„Soll ich vielleicht mitzählen?“, fragt sie mit erstaunlich fester Stimme.
„Du musst vor allem die Klappe halten, bis ich etwas anderes sage!“
Die Schläge zwei und drei folgen, dann ist Schluss mit Aufwärmen. Vier und fünf ziehe ich richtig durch. Zischend stößt sie die Luft aus den Lungen. Nach Nummer neun gönne ich ihr eine Atempause. Obwohl in ihren Augen Wasser steht, schüttelt sie den Kopf, als ich anbiete abzubrechen.
Verdammt, ihre Entschlossenheit ist zu bewundern. Eigentlich auch keine Überraschung. Sie war schon immer ehrgeizig und verfolgt Dinge, die sie einmal ins Visier nimmt, mit einer unglaublichen Zielstrebigkeit. Gnadenlos, auch gegen sich selbst.
Nachdenklich betrachte ich den Gürtel, denn mir wird bewusst, dass genau diese Eigenschaften, sie zu zumindest theoretisch einer unglaublich guten Sub machen würden. Eine perfekte Sub – jedenfalls für mich.

Ein Gedanke zu „Sprechstunde im Rathaus“

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