Rape Culture: Der Fall Jeffrey Epstein

Der Begriff „Rape Culture“ (engl. rape = Vergewaltigung und culture = Kultur) bezeichnet laut Wikipedia „soziale Milieus oder Gesellschaften, in denen Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt verbreitet sind und weitgehend toleriert oder geduldet werden“. Ich bin kein Experte in der feministischen Nomenklatur, aber ich vermute, kaum jemand glaubt, dass unsere westliche Zivilgesellschaft im ganzen eine solche Rape Culture ist. Vielleicht handelt es sich dabei um eine Art ideologischen Kampfbegriff. Der unbedarfte Leser denkt vermutlich an Länder, wo man oft von Massenvergewaltigungen in den Nachrichten liest. Alles ganz weit weg, Indien oder andere ferne Länder, aber sicher nicht bei uns!

Doch der Blick in die Nachrichten macht nachdenklich. Besonders wenn er sich über den großen Teich richtet. Damals, als das mit #metoo losging, habe ich schon sehr aufmerksam den Fall Harvey Weinstein verfolgt. Das System Weinstein war wirklich perfide und gemein. Er nutze seine Macht als Hollywood Produzent skrupellos aus und beschäftigte ein ganzes Team von Lakaien und Anwälten, die Opfer und Reporter bedrohten und oder einschüchterten, und konnte Jahrzehntelang unbehelligt sein Unwesen treiben.

So schlimm der Fall Weinstein auch war,
er ist kein Vergleich zum Fall Epstein.

Seit 2001 missbrauchte Jeffrey Epstein Dutzende, vermutlich hunderte minderjährige Mädchen. Er rekrutierte sie aus Familien mit sozialen und finanziellen Problemen und lockte mit Zahlungen, die typischerweise bei 200 -300 Dollar pro Besuch lagen. Inoffiziell wurde sein Privatjet als Lolita Express bezeichnet und sein Luxus-Wohnsitz in Miami als Orgy Island [manchmal auch Pedophile Island].  Das System lief nach einiger Zeit von selbst, weil er seinen Opfern Geld für die Vermittlung weiterer Mädchen zahlte. Die Besuche in seiner Villa in Palm Beach, Miami, und – nach ähnlichem Muster – in seinen anderen Häusern, liefen laut mehreren Zeugenberichten etwa so ab, dass er sich im Handtuch auf einem Massagetisch auf den Bauch legte. Später drehte er sich um, entblößte sich, masturbierte und forderte die Mädchen zu sexuellen Handlungen auf.  (Quelle: Wikipedia)

Jeffrey Epstein ist ein Investmentbanker. Der Multimilliardär, Jahrgang 1952, ist bestens in die aller allerhöchsten Kreise vernetzt. Zu seinen Freunden zählen Politiker beider Parteien, weshalb das Interesse den Fall zu verfolgen immer sehr gering war. Zu groß war die Furcht, dass führende Köpfe der eigenen Fraktion mit in den Sumpf gezogen werden. Auch Ex-Präsident Bill Clinton (notorischer Frauenheld und mutmaßlicher Vergewaltiger) hat Epsteins Privatjet regelmäßig genutzt, ebenso andere zahlreiche Promis, wie Woody Allen (der mutmaßlich seine Stieftochter sexuell missbraucht hat). Die Liste der Epstein Freunde, die im Lolita Express flogen oder das Domizil auf dem Orgy Island besuchten, liest sich wie ein Who is Who der USA. Politiker, Stars aus Film und Funk, Wissenschaftler, Rechtsprofessoren. Die Gerüchteküche brodelte lange, doch niemand ging den Hinweisen ernsthaft nach.

Bis 2007 hatten sich dann doch so viele Opfer bei der Polizei gemeldet, dass man den Vorgang nicht länger ignorieren konnte. Das FBI fertigte nach langen und aufwändigen Recherchen einen 53-seitigen Bericht mit Beweisen an, der Epstein hätte lebenslänglich ins Gefängnis bringen müssen. Doch stattdessen handelte der zuständige Staatsanwalt Alexander Acosta einen Deal mit den Epstein Anwälten von der Kanzlei Kirkland & Ellis aus. 2008 wird Epstein zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt, von denen er nur 13 Monate „absitzt“. Perfide ist, dass er nicht wegen Missbrauch, Nötigung oder Vergewaltigung verurteilt wird, sondern wegen Anstiftung zur Prostitution. Seinen minderjährigen Opfern wird damit der Stempel „Prostituierte“ aufgedrückt. Besonders skandalös sind die Haftbedingungen, denn Epstein wird 6x in der Woche täglich 12 Stunden Freigang gewährt. Aber das ist noch nicht genug an Skandal. Dass die Opfer nicht von den Bedingungen des außergerichtlichen Deals unterrichtet oder befragt wurden, ist ein einmaliger Vorgang. Einmalig auch, dass der Deal ausdrücklich mehrere Mitbeschuldigte von weiterer Verfolgung freispricht. Juristisch geradezu aberwitzig ist, dass der Deal diese Sonderbehandlung sogar auf namentlich nicht genannte Personen auszudehnen versucht.

Unfassbar ist die Bereitwilligkeit mit der Epsteins Lakaien dessen illegale Umtriebe unterstützten. In der Anklage werden vier Frauen genannt, die auf Epsteins Lohnliste standen. Sie waren in der Hauptsache als Recruiter und Scheduler tätige. Offiziell trugen sie hochdotierte Titel wie „Personal Assistant“. Tatsächlich bestand ihre Aufgabe darin, neue Opfer für Epstein anzuwerben oder sie waren für deren Handling zuständig. Es gab einen Rolodex mit den Namen der Opfer und Kalender mit Reiseplänen für die Epstein-Girls. Epstein vergewaltigte offenbar nur nach Termin.

Versetzen wir uns doch mal in die Lage eines Opfers von Jeffrey Epstein: Jennifer Aaroz lebte in New York und besuchte eine Schule, die nur ein paar Blocks von Epsteins Anwesen entfernt war. Anfang der 2000er — sie ist 14 – wird sie von einer Assistentin Epsteins in einem Café angesprochen. Jennifer, die kürzlich ihren Vater verloren hat, schüttet der Fremden ihr Herz aus, erzählt ihr auch, dass sie von einer Karriere am Broadway träumt. Die Unbekannte gewinnt das Vertrauen des Mädchens. Mehrfach verabreden sie sich, schließlich folgt eine Einladung in Epstein Haus. Der Hausherr ist herzlich und überaus hilfsbereit. Immer wieder schenkt er Jennifer mehrere Hundert Dollar. Erst passierst nichts, doch eines Tages nimmt er sie mit in sein „Lieblingszimmer“, den Massageraum. Sie soll sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und ihn massieren. „ich helfe dir, du hilfst mir“, soll er gesagt haben. Irgendwann passiert es schließlich, er dreht sich auf den Rücken, zieht sie heran und vergewaltigt sie.

Sexual Predator in Chief

Jennifer Aaroz Aaroz würde die Frage nach Rape Culture ganz sicher mit einem klaren „Ja“ beantworten. Seit ihrer Vergewaltigung sind fast 18 Jahre vergangen. Sie weiß, dass Epstein verurteilt wurde, aber richtig zur Rechenschaft gezogen wurde er eigentlich nie. Acosta, der Staatsanwalt, der seinerzeit den unsäglichen Deal zu verantworten hatte, ist inzwischen nach oben gerückt. Er bekleidet das Amt des Arbeitsministers in Washington. Justizminister, also der oberste Strafverfolger und höchster Justizbeamter in den USA, ist mittlerweile William Barr. Bevor er dieses Amt übernahm, war er unter anderem für die Kanzlei Kirkland & Ellis tätig, also jener Kanzlei, die Epstein damals verteidigte. Beide wurden von US-Präsident Donald Trump in ihre Ämter berufen. Donald Trump selbst ist ein notorischer Frauenheld, der sich öffentlich rühmt, ein Pussygrabber zu sein. Donald Trump, der Affären mit Pornostars hatte und versuchte, diese mit Geld und Drohungen zum Schweigen zu bringen. Donald Trump, der von mehreren Frauen der sexuellen Belästigung und von einigen sogar der Vergewaltigung beschuldigt wird. Natürlich kennt Trump Epstein, schließlich haben beide ihren Hauptwohnsitz in New York. In einem Interview von 2002 beschreibt Trump sein Verhältnis zu Epstein mit den folgenden Worten:

I’ve known Jeff for fifteen years. Terrific guy. He’s a lot of fun to be with. It is even said that he likes beautiful women as much as I do, and many of them are on the younger side. No doubt about it ― Jeffrey enjoys his social life.

[Ich kenne Jeff seit fünfzehn Jahren. Toller Kerl. Es macht viel Spaß mit ihm zusammen zu sein. Es wird sogar gesagt, dass er schöne Frauen genauso mag wie ich, allerdings mag er sie sehr jung. Kein Zweifel – Jeffrey genießt sein soziales Leben.]

Diese Aufzeichnungen aus den Neunzigern zeigen Epstein und Trump bei einer Party mit Cheerleadern und Playboy-Girls in Trumps Golfresort.

Einmal im Sommer 2016 wurde sogar eine Anklage gegen Donald Trump eingereicht, dem man vorwarf, zusammen mit Epstein im Jahr 1994 ein 13 Jähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Diese Anklage wurde allerdings kurz vor der Wahl im November 2016 zurückgezogen. Die Anwälte behaupten, ihre Klientin sei bedroht worden. Ob die Vorwürfe berechtigt waren, wissen wir nicht, denn offiziell ermittelt wurde nie. So oder so, kann ein Epstein-Opfer gar nicht zu einem anderen Ergebnis kommen: Das ist doch definitiv eine Rape Culture! In der Ära Trump mehr noch als in „normalen Zeiten“. Sexisten, sexuelle Belästiger, Vergewaltiger kommen in die allerhöchsten Ämter, genau wie jene, die die Allerschlimmsten schützen und decken.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer. Anfang Juli gab die Staatsanwaltschaft von New York (SDNY, eine mächtige und von der Regierung in Washington unabhängige Behörde) bekannt, den Fall wieder aufzurollen. Epstein wurde verhaftet und bei einer Hausdurchsuchung wurde kinderpornographisches Material gefunden. Behörden in anderen US-Staaten, in denen Epstein weitere Wohnsitze hat, folgen inzwischen dem Beispiel von New York. Die Entlassung Epsteins aus der Untersuchungshaft wurde abgelehnt. Die Richter gingen von akuter Fluchtgefahr aus, da Epstein über erhebliche Mittel verfügt und Domizile in der ganzen Welt hat. Zudem waren gefälschte Ausweispapiere bei ihm gefunden worden. Erstes „Opfer“ des Falles ist übrigens Alexander Acosta, der wegen des umstrittenen Gerichtsdeals von seinem Amt als Arbeitsminister zurücktreten musste. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Chance auf Gerechtigkeit für Jennifer und die anderen Opfer im Fall Epstein.


 

 

 

6 Gedanken zu „Rape Culture: Der Fall Jeffrey Epstein“

  1. Das sind die großen Skandale, aber ein Blick in die nähere Umgebung reicht ja oft schon. Die meisten Fälle auch in unserer Gesellschaft werden einfach totgschwiegen.

    Ungefähr vierzig Prozent aller deutschen Frauen haben sexuelle Gewalt erfahren. Opfer, die es zur Anzeige bringen, sehen sich mit dem Vorwurf der Lüge konfrontiert und müssen beweisen, dass sie auch keine „Schuld“ daran hatten.

    Ein bisschen was ist ja passiert, aber als gesellschaftliches Tabu bleibt sexuelle Gewalt immer ein Thema, das Opfer oft lieber mit sich selbst ausmachen.

    Es passiert meistens im Umfeld und ist nicht so skandalös. Dennoch finde ich gerade die Banalität schlimm, da sie im direkten Kontrast zum Leid der Opfer steht. Ein wichtiges Thema. Danke für den Beitrag!

  2. Der wilde Westen ist längst nicht tot.
    Es sind immer noch skrupellose Despoten die in diesem Land herrschen. Die Waffen sind vielleicht perfider geworden, allerdings schreckt immer noch keiner vor Killern zurück.
    Recht wird gebeugt, Strafverfolger gekauft und wer immer noch nicht spurt wird zum Schweigen gebracht.

  3. Mir fehlen die Worte. Liest sich schlimmer, als jedes Horrorszenario in einem abgedrehten Roman, wo man sich immer fragt, wie der Autor auf solch eine Fantasie kommt. Diese Kolumne zeigt wieder einmal beispielhaft, dass die Realität schlimmer ist. Einfach nur abartig und ekelerregend, diese Gattung Mensch. 🙁

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