Lego

Aufwachen – Strecken – zu hell hier, viel zu hell. Auf den Bauch drehen und schnell den Kopf ins Kissen graben. Vorher einen Blick in die Ecke werfen. Da liegt sie auf ihrer Bambusmatte und schlummert den Schlaf der gerechten Subbies.

Wie immer, wenn sie dort schlafen muss, liegt sie in Embryonalhaltung unter Decken, die bis zum Kinn hochgezogen sind. Ob sie wohl träumt? Vielleicht zählt sie mal wieder Doms. Obwohl – das tut sie eher zum Einschlafen. Wo andere Schafe zählen, zählt sie laut eigener Auskunft Doms, die auf einer großen, grünen Wiese über einen Zaun hüpfen. Moment mal! Wer sind diese Doms eigentlich? Von welchen Typen träumt meine Sub? Verdammt, wieso ist mir das früher nie aufgefallen?

Den Gedanken werde ich später wieder aufgreifen müssen. Er ist für den frühmorgendlichen Halbschlaf nicht geeignet, zumal ich von einem zunehmenden Ziehen in meiner Leistengegend mehr und mehr abgelenkt bin. Jemand hat dort einen Baseballschläger deponiert.

Mein Bemühen um Linderung durch Veränderung meiner Lage ist nicht von Erfolg gekrönt. Das Ziehen wächst sich peu à peu zu einem handfesten Schmerz aus. Den flüchtigen Gedanken, mir den Druck von meiner Sub absaugen zu lassen, verwerfe ich. Natursektspiele, so habe ich seinerzeit beschlossen, sind auf primzahlige Jahre zu begrenzen. Im Geiste gehe ich die Jahreszahlen durch, während ich mich aus dem Bett schwinge. 2013 ist schon mal keine Primzahl, 2015 sowieso nicht, und  2017? Mist, kann ich so nicht falsifizieren.

Bei 2021 setze ich einen Fuß auf den Boden. Ein unglaublicher Schmerz fährt in meine Glieder und beendet meine algebraischen Bemühungen abrupt. Ich knicke zur Seite weg, weil etwas meine Ferse durchbohrt hat. Ich kann mich gerade noch abfangen, doch schon bohrt sich etwas in den anderen Fuß. Fluchend tänzle ich auf einem Bein durch das Schlafzimmer, in dem Versuch zu entfernen, was in der Ferse steckt und dort einen Höllenschmerz entfacht. Der Baseballschläger, der nun in meinen Shorts steckt, hüpft dabei auf und ab, und ich hopse stöhnend hinterher durch die Tür.

Mit tropfendem Haar stehe ich dreißig Minuten später an der Anrichte, schlürfe meinen ersten Kaffee und sichte das vor mir liegende Beweismaterial: Den Kassenzettel eines Second-Hand Ladens und einen Pappkarton mit dem Bild eines klingonischen Raumschiffs. Im Karton sind laut Aufdruck 1712 Legosteine. Drei davon, nämlich die, die ich inzwischen aus meinen Füßen gepult habe, liegen vor der Packung. Unter meiner immer noch pochenden Ferse liegt ein Eispack, aber meine Wut hat längst einer stummen Bewunderung Platz gemacht.

Unglaublich diese Frau! Das Spielzeug muss sie vor Wochen gekauft haben. Sie hat auf den geeigneten Tag gewartet und wach gelegen, bis ich einschlief. Sie hat die Falle vorbereitet, Steinchen für Steinchen in konzentrischen Kreisen ausgelegt, etwa eine halbe Fußlänge voneinander entfernt. Meine Fußlänge wohlgemerkt, nicht ihre!

›Dieses Miststück‹, ich grinse in mich hinein, denn das schreit förmlich nach einer…. ›Rache, Strafe oder gar Belohnung?

Die Botschaft, die sie mir mit Legosteinen in meinen Fersen zukommen ließ, ist jedenfalls angekommen:

»Heute kein Kulturprogramm oder Kaffee und Kuchen!«

›Soll sie haben‹, denke ich und freue mich auf ein vergnügliches Wochenende.


Na, was ist in diesem Bild versteckt?

Meine Subbie hat sich entschlossen, an ihrer Charade festzuhalten. Als ich die Decke sachte wegziehe, ›erwacht sie‹ spontan, rekelt, gähnt, streckt sich; das volle Programm. Vorsichtig löse ich den hakeligen, aber überaus robusten Splint aus der Arretierung, mit der ihre Kette an der Wand befestigt ist. Kopfschüttelnd denke ich an das Schloss, das in den ersten Wochen hier hing. Ziemlich unverantwortlich für einen Sicherheitsfanatiker mit paranoiden Zügen, besonders einen relativ fantasiebegabten wie mich. Meine Sub kann sich jederzeit von ihren Ketten befreien, was sie jedoch nur im äußersten Notfall tun wird. Beim bisher einzigen Test hatte sie sich zwei ihrer, wie immer perfekt manikürten Nägel abgebrochen und einen weiteren bis auf das Nagelbett eingerissen. Heute blitzen sogar ein paar Steinchen auf manchen ihre ›samtweißen‹ Nägel. Ein klarer Fortschritt, obwohl mir das Glitzerdesign schon fast zu stylish ist. ›Notiz an mich selbst: Von Vetorecht Gebrauch machen!‹ Ist ohnehin überfällig, sonst denkt Subbie, sie kann rumlaufen, wie es ihr beliebt.

Ich stupse einen Finger gegen ihr Knie und lasse ihn den Oberschenkel hinaufgleiten, über die verblassenden Striemen des Vortags. Endlich schlägt sie die Augen auf und gibt mir einen Unschuldsblick, der mir vor allem eines verrät: Sie hat tatsächlich kaum geschlafen. ›Himmel, ist sie schön‹, denke ich ergriffen Das zerstrubbelte Haar, der leicht zerknautschte Kann– kein– Wässerchen– trüben– Blick, Wange und Stirn teilweise überzogen vom Muster der Bambusmatte.

»Gut geschlafen, Schatz?«

»Ja Herr, danke Herr!« Antwortet sie mit einem unterdrückten Gähnen. ‚96‘, denke ich und starre auf ihre linke, ebenfalls mit Bambusmattenmuster überzogene Brust und frage scheinheilig »Möchtest du mir vielleicht beim Frühstück Gesellschaft leisten, Schatz?«

»Ja klar, Herr«

‚93‘, zähle ich im Geiste mit und löse die Kette von ihrem Hals. Ich habe keine Lust auf das Kettengerassel, sondern führe sie mit meinen Fingern. Das heißt, ich schiebe ihr meinen  Daumen zwischen die Lippen, warte, bis sie aufgestanden ist, dann lasse ich sie hinter mir hergehen. Verliert sie meinen Daumen, dann … ›naja das werden wir dann sehen‹.

Spöttisch sieht sie mich an, als wir den Tisch erreichen.

»Mit dem falschen Fuß aufgestanden heute?«, fragt sie höhnisch und fügt erst nach einer Pause hinzu, »Herr.«

Auf dem Tisch liegt ein Tuch, in das, mein Spielzeug eingeschlagen ist. Dann ist da der Karton mit den Legosteinen, das Beweismittel für ihre Untaten. Daneben nur das Gedeck für eine Person. Für ein gemütliches Frühstück zu zweit fehlt einiges. Croissants, ein großer Café au Lait, sowie das obligatorische Glas ihrer geliebten Nugatcreme. Fast bin ich etwas traurig, wird mir doch der überaus entzückende Anblick entgehen, wenn sie auf der mir gegenüberliegenden Seite des Tisches sitzt. Nackt, wie ich sie schuf, an ihren dick mit Nugat bestrichenen Croissants knabbernd und mich über ihren Becher hinweg mit ihren Katzenaugen anfunkelt.

»Willst du nicht Platz nehmen?«, freundlich deute ich neben mich. Manchmal, so auch jetzt, bilde ich mir ein, ihre Gedanken regelrecht hören zu können. Sie begibt sich neben mir auf die Knie und ihre Augen verschießen Blitze in meine Richtung.

***

Ich genieße mein Frühstück, erfreue mich an der brillanten Auflösung meines neuen iPads und lese die News. Trotz oder gerade wegen der herrlichen Ruhe, eine Folge der 100-Worte-Regel, schweifen meine Gedanken immer wieder ab zu meiner Sub und den Plänen mit ihr für den heutigen Tag.

Sprachfolter vielleicht? Ich könnte sie Zungenbrecher aufsagen lassen und für jeden Fehler kriegt sie eins drauf. ›Der dreiste Dom drischt seine devote Dienerin?‹, nein, das klingt Scheiße und ist zu kurz.

›Dolldreist drischt der dicke Dämeldom die dumme Dienerin? Haha, dumme Dienerin, Dämeldom‹, denke ich entnervt und suche nach Alternativen. ›Distinguierter Dom‹ vielleicht? Und der könnte ›dräuen, drängen, drücken, darben‹

Ich registriere ein leichtes Zucken, als ich die Hand auf ihren Kopf lege, kein Wunder nach so langer Zeit auf den Knien. Ihre Haltung erinnert entfernt an die Nadu-Stellung. Nicht dass es mich sonderlich interessiert, ob das nun exakt Nadu ist oder nicht. Ich gehöre in derlei Fragen nicht zu den Puristen. Zumal meine Sub es instinktiv versteht, ihre mehr als ausreichend vorhandenen körperlichen Reize auf eine Art und Weise zu präsentieren, die meine Fantasie mehr beflügelt, als es durch die sklavische Einhaltung der feuchten Träume irgend eines Schreiberlings möglich wäre. Meine Finger streichen ihr durch das strubbelige kurze Haar. Erst seit ein paar Wochen lasse ich es wieder wachsen. Ganz früher einmal hat es hier sogar eine prachtvolle Mähne gegeben. An ihre Tränen, als das Haar in dunklen Büschen auf die hellen Fliesen fiel, erinnere ich mich allzu gut. Es geschah an jenem Tag, an den sie mir die Ehre erwies, mir die Verfügungsgewalt über sich zu übertragen.

Mir wird bewusst, dass mich Kurzhaarfrisuren schneller langweilen als die Alternativen. Ihren haarlosen Schädel hatte ich jedenfalls ebenso sehr geliebt, wie früher die üppige Mähne. Hier gibt es ein Entscheidungsproblem, dem ich mich recht bald werde stellen müssen. Gegen die Glatze spricht das Hantieren mit einem nicht für den Dauereinsatz konzipierten, übel riechenden Agent-Orange-Derivat.

›Max Musterdom, spontan und entscheidungsfreudig‹, verhöhne ich mich in Gedanken selbst, angesichts meiner Unfähigkeit  zu einem Entschluss zu kommen, was die zukünftige Frisur meiner Sub betrifft. Ich könnte sie in eine Diskussion darüber verwickeln, fällt mir ein, dabei würde sie nämlich innerhalb von Minuten das 100-Worte-Kontigent aufbrauchen.

An jenem Tag damals hatte sie neben der Haarpracht auch ihr Recht zu Sprechen eingebüßt, zunächst völlig. Doch die bissigen Kommentare hatten mir bald ebenso gefehlt, wie der intelligente Sprachwitz, weshalb ich die 100 Worte Regel ersann. Ihr sind pro nur 100 Worte Tag erlaubt, weshalb ich immer mitzähle. 100 Worte entspricht der Menge an Dialog, die ich über den Tag memorieren kann.

***

»Steh jetzt mal auf, ich möchte dich ein bisschen hauen«, lasse ich  beiläufig verlauten. Eine Schrecksekunde später steht sie rasch und in einer fließenden Bewegung auf. Ich nehme mir etwas mehr Zeit, lege das iPad zur Seite, greife nach dem Tuch, wickele es auf und entscheide mich nach einem prüfenden Blick für das mittlere von den fünf Schlagwerkzeugen. 90 cm lange Elektrokabel, in verschiedenen Stärken, von 7 bis 20 mm Durchmesser, wie man sie in jedem Baumarkt kaufen kann. Aus praktischen Gründen sind die Enden verschweißt. Und wegen des schlichten Unterputz-Graus, habe ich sie vollständig mit schwarzem Schrumpfschlauch überzogen. Mit den zweckentfremdeten Kabeln erziele ich regelmäßig beste Ergebnisse, was Treffsicherheit und Dosierung angeht.

Meine Sub hat inzwischen eine Haltung angenommen, für die es sicher auch in irgend einem Buch irgendeinen Namen gibt: Aufrechter, gerader Stand, die Hände locker an den Seiten, der Mund geschlossen, Kopf gerade, den Blick auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand gerichtet. Erst wenn ich in ihr Blickfeld trete, tut sich etwas. Dann flattert ihr Blick, wandert zwischen dem Fixpunkt und mir hin und her, bis ihre Augen mich festhalten und zur Ruhe kommen. Immer wieder bin ich von dieser Veränderung fasziniert; dieser Moment wirkt so, als ob sie allein aus meinem Blick Kraft schöpfen würde.

Ich lasse die Spitze meiner Peitsche sachte über ihre Rundungen gleiten. Wie ein Maler fertige ich auf der Leinwand, meiner Leinwand, eine Skizze an, in der Absicht, sie später mit dicken Pinselstrichen zum Leben zu erwecken. Ich konzentriere mich auf den Bereich um die beiden hellen Dreiecke auf der Vorderseite oben. Der Look ›nicht-nahtlose Bräune‹, an dem sie regelmäßig im heimischem Garten arbeitet, war ihre eigene Idee. Die Bikinis, die so knapp geschnitten sind, dass eine Motte den Zweiteiler mit einem einzigen Happen verschlingen könnte, habe ich selbst beigesteuert. Auch nackt sieht es auf den ersten Blick aus, als trüge sie eines dieser Waffenscheinpflichtigen Designerteile.

Schon nach wenigen Treffern auf die beiden oberen Scheitelpunkte erstrahlen beide Dreiecke in einem sanften Rosa, die gebräunte Haut darüber dunkelt nur wenig nach. Nicht nur aus Gründen der Symmetrie widme ich mich dann den anderen Ecken, nehme mir eine nach der anderen vor. Diese Aufwärmübungen haben eine besondere Wirkung auf mich. Es ist die Vorfreude, sich ganz den eigenen dunklen Gelüsten widmen zu können, und das mit einer Partnerin, die es mit jeder Faser ihres wunderbaren Körpers genießen kann. ›Sadisten sind die letzten Romantiker, in einer Welt, die Hingabe nicht mehr zu schätzen weiß.‹ Denk ich, und mir ein spöttisches Grinsen auf, das ihre Mundwinkel umspielt.

»Du bist ganz schön frech heute!« Sie neigt ihren Kopf leicht zur Seite und grinst, was so viel heißt wie: »Du kannst ja versuchen, mir die Frechheit auszutreiben!« – ›Das werde ich ganz sicher nicht tun‹, denke ich, ›dafür liebe ich diese Frechheiten viel zu sehr.‹

»Dir ist klar, dass du heute leiden wirst!« Ein kaum merkliches Schulterzucken ihrerseits, mit dem sie mir sagen will, dass sie sich keine Angst von mir einjagen lässt.

»Dein Safeword? Du weißt es noch?« Sie schafft es völlig ausdruckslos zu nicken, aber das minimale Zucken in der Region des Kehlkopfs verrät mir: Die Erwähnung des Safewords hat seine Wirkung nicht völlig verfehlt. Darüber haben wir seit Jahren nicht mehr gesprochen.

***

»Gut. Die schwarzen Schuhe bitte, die aus London! Du weißt schon, welche ich meine. Bring eine Augenbinde mit, und … zieh dir was an!« Ohne Hast macht sie sich auf den Weg. Während ich warte, fällt mir ein, dass ich ihr für heute noch einen neuen Namen geben will. Viel Zeit zum Überlegen habe ich nicht, denn schon bald ist das leise Klacken der Absätze zu hören. Diese Schuhe sind meine Favoriten: Schlichtes, klassisches Design, dunkles Leder, und die Absätze eine Handbreit hoch. Meine mehr als vage Ansage, sich etwas anzuziehen, hat sie geradezu minimalistisch erfüllt, mit nur einem Strumpfband, wie ich schmunzelnd zur Kenntnis nehme.

Ihre Wirkung auf mich ist, wie immer die gleiche. Ihr bloßer Anblick verwandelt mich im Prinzip in einen sabbernden Idioten. Einen Sabbanten, einen Typen mit einer Quasi-Inselbegabung, der seine nur noch spärlich vorhandenen kognitiven Fähigkeiten auf den sexuellen Austausch mit dem Subjekt, das ihn sabbern macht, richtet. Auch jetzt noch, nach Jahren, hat dieser Effekt nicht nachgelassen. Und sie kennt diese Wirkung genau, verspottet mich mit jeder Bewegung, jedem Schritt und jedem Blick. Und ganz nebenbei verspottet sie die Gesetze der Physik. Sie schwebt durch den Raum, zerreibt jeden ihrer Schritte zwischen ihren Beinen, ganz oben. Dann steht sie vor mir, stolz, stoisch, schön wie eine Göttin. Ich möchte mich vor ihr in den Staub werfen und ihr danken, dass sie mein ist. Das metaphysische Feuerwerk in meinen naturalistischen Synapsen macht mich schaudern. ›Wie sehr ich sie liebe‹, denke ich und erschrecke beim gedachten Verb noch mehr, als beim gesagten. ›Eigenartig, dass ich es denken kann, ohne es sagen zu wollen, aber nie sagen kann, ohne es gedacht zu haben.‹

Schlechtes Timing für theatralische Liebesbekundungen, befinde ich sofort, nicht ohne mir vorzunehmen, es bei nächstbesten Gelegenheiten mal wieder zu erwähnen.

Ich sehe sie an. Es sind ihre Gene, die mit jedem Quadratzentimeter ihrer Haut, mit jeder Faser ihres Körpers eine verschlüsselte Botschaft in meine Richtung senden. »Hey, ihr da drüben. Kommt doch mal rüber!«, rufen sie meinen Genen zu. Das ›Ich‹, für das ich mich halte, ist nicht mehr als ein Hilfskonstrukt. Eigentlich bin ›Ich‹ nichts weiter als eine Dechiffriermaschine, ein biomechanischer Apparat, gelenkt von meinen eigenen Genen. Und diese meine Gene, egoistisch, wie sie nun einmal sind, stimmen einen Chor an: »Wir kommen gleich!«, rufen sie im Kollektiv. ›Mist‹, denke ich, ›ich muss aufpassen, sonst übernimmt der Australopithecus das Kommando.‹ Dieser etwas ruppige und wenig gesprächige Vorzeitgenosse hockt seit drei Millionen Jahren in meinen Genen, von wo er nach dem Weibchen mit den richtigen Genen Ausschau hält. Dieses Weibchen vor mir ist schon das richtige, und mehr als das. Aber mir ist nicht – noch nicht – nach Australopithecus afarensis. Noch ist mir nach Homo sapiens.

Genauer gesagt nach ›Homo sadens sapiensis! Na ja, Sapiens, übertreib mal nicht. Bestenfalls noch Semi-sapiens, in deinem Zustand.‹ Mit meinem Latein ans Ende kommend, entschließe ich mich für die muttersprachliche Variante: Ich bin ein ›Sadist mit Restintelligenz!‹

***

Ich lege ihr die Augenbinde an und ziehe ihre Arme stramm hinter dem Rücken zusammen, wo ich sie mit Manschetten fixiere. Als ich mein Werk begutachte, erscheint ein anderer Name auf meinem Schirm.

»Tiffany!« entfährt es mir.

Verblüfft schaut sie mich. An meine kleine Marotte, ihr immer wieder wechselnde Namen für unsere Spiele zu geben, wird sie sich niemals gewöhnen. Ihr gefällt das nicht, aber sie fügt sich in ihr Schicksal, was bleibt ihr auch übrig

»Ich finde, dir würde etwas Bewegung gut tun, Tiffany! Hüpf!«

»Ich soll … hüpfen?«

»Meine Liebe, du bist ganz schön geschwätzig heute. Wenn du so weitermachst, wirst du einen sehr schweigsames Wochenende verbringen!«

Gehorsam aber mit zusammen gepressten Lippen setzt sie sich in Bewegung. Mein Wunsch bereitet ihr sichtlich Mühe, entspricht er doch so gar nicht ihren Erwartungen. Den verkniffenen Gesichtsausdruck ignoriere ich, sorge für etwas mehr Enthusiasmus und hinterlasse dabei die ersten Striemen des Tages auf dem Po. Ich lehne mich innerlich zurück und genieße den Anblick. Die abwechselnde Wirkung von Schwer- und Fliehkraft erzeugt enorme optische Reize.

Ich mache mir einen Kaffee, setze mich an den Tisch, sehe ihr noch eine Weile beim Hüpfen zu, bevor ich sie zu mir rufe. Sie ist dankbar, nicht mehr hüpfen zu müssen, und sichtlich bemüht, leise zu atmen. Ihre Brust hebt und senkt sich und auf ihrer Haut glänzt ein dünner Schweißfilm. Ich helfe ihr bei den letzten Schritten, damit sie sich nicht am Tisch stößt.

»Möchtest du dich setzen, Schatz?«, frage ich zuvorkommend. Sie schnauft ein Mal und nickt, sichtlich genervt. Mit einer Hand auf ihrem Rücken dirigiere ich sie auf die Holzbank zu meiner Rechten. Die großzügig auf der Sitzfläche verteilten Legosteine entlocken ihr ein undefiniertes Quieken, als sie darauf niedersinkt. Mit sanftem Druck meiner Hand in ihrem Nacken überzeuge ich sie, dass die Legosteine, die sich in ihren Hintern bohren, nicht zufällig dort liegen. Grimmig fügt sich in ihr Schicksal.

Nun sitze ich also hier gemütlich, während Tiffany es sich auf einem Kissen von scharfkantigen, kleinen Legos gemütlich machen muss. Nach einer Weile lasse ich sie aufstehen und erfreue mich an den kleinen Steinchen, die an ihrem knackigen Po kleben. Noch mehr erfreue ich mich an der Säuberungsaktion. Dafür nehme ich das feinere Werkzeug, nämlich die dünnste meiner fünf Peitschen. Die drei Steine entferne ich mit vier Schlägen, denn der Dritte hat sich mit der offenen Seite in ihre Haut gedrückt und ein Vakuum gezogen. Nach dem nächsten Aufstehen sind es sogar sieben Steinchen, die ich allerdings mit nur vier Schlägen beseitigen kann. In den folgenden Runden sind es vier, sechs und wieder drei Steine, und ich schaffe fast alle mit genau einem Schlag. Nach Runde sechs verrät mir die dunkle Rötung, Subbies Hintern braucht eine Pause.

***

Die Pause verbringt sie knieend an meiner Seite. Meine Hand ist über ihre Schulter nach unten zur Brust gewandert. Sanft taste ich mich vor, fühle, umfasse und wiege. Die Hand ist beinahe zur Gänze gefüllt, stelle ich wie immer fest, bevor ich meinen eigentlichen Angriff starte. Er gilt dem Bereich zwischen ihren Schläfen: »Weißt du, wen ich gestern getroffen habe?«, frage ich und fahre erst nach ihrem Kopfschütteln fort, »Deine Schwester.«

»Meine Schwester?«, erwidert sie und ich registriere mit einer gewissen Genugtuung, dass sich ihre Stirn in Falten legt. Dass sie Worte durch bloße Wiederholung verschwendet, passiert selten.

»Ich glaube wirklich, sie will immer noch bei mir landen«, das ist die eigentliche Attacke, die wie ein Blitz in ihre Glieder zu fahren scheint. Fast bekomme ich ein schlechtes Gewissen wegen dieser Lüge.

Das Verhältnis zur Schwester, eigentlich Halbschwester, wäre früher mit Hassliebe zutreffend beschrieben gewesen. Kürzere Beste- Freundinnen- Phasen gefolgt von Perioden tiefer Feindschaft. Unter anderem wegen des Versuchs, just den Mann zu verführen, den meine Sub sich zum Partner auserkoren hatte, nämlich mich. Genervt von dem Auf und Ab, hatte ich zu einer Zeit, in der es unserer Beziehung noch an der heutigen Stabilität mangelte, eine Kontaktsperre verhängt. Ein ziemlicher Eingriff in ihre Selbstbestimmung, einer der schwersten bisher, den ich mir gewiss nicht leichtfertig erlaubt habe. Aber ich sah damals ebenso wie heute nicht ein, warum ich den Versuchen Dritter, mutwillig Unfrieden zu stiften, tatenlos zusehen sollte.

»Ich hatte den mehr als deutlichen Eindruck, dass sie mir schöne Augen macht,« erkläre ich. Meine Sub senkt den Blick, aber ich setze sogar nach: »Und sie hat sich schon wieder operieren lassen. 800 ml hat sie jetzt auf jeder Seite.« Ich lasse meine Worte wirken, bevor ich das nächste Geschoss platziere: »Wir sollten vielleicht auch einen Termin in der Klinik machen.« Den Druck meiner Hand auf den fraglichen Gegenstand verstärkend, der in Volumen, Form, Festigkeit und nicht zuletzt Belastbarkeit ziemlich genau dem entspricht, was ich für perfekt halte. Eine Schönheits-OP ist so ziemlich das Letzte, was ich meiner Sub abverlangen werde. Ganz besonders gilt dies für eine operative Brustverschlimmerung.

»Ja, Herr«, sagt sie mit zitternder Stimme, und ich beende das Thema:

»Ach, weißt du. Wir können ja morgen noch einmal darüber reden.«

***

Inzwischen haben wir zwei  weitere Runden ›Lego‹ gespielt. Bei der ersten habe ich mindestens zwei Dutzend Steinchen mit Schlägen chirurgischer Präzision von ihrer geschundenen Kehrseite entfernt. Danach habe ich mich ihrer Front gewidmet, wo es zwar keine Legosteine gab, sondern helle Bereiche zum Leuchten zu bringen galt. Obwohl ich ihr bisher noch nicht so viel abverlangt habe, knickt sie bei einem leichten Schlag auf den Bauch kurz ein. Ein Phänomen, das mir als Sportmasochist wohl bekannt ist. Z.B. eine winzige Druckstelle irgendwo am Fuß, die man bei Kilometer acht bemerkt. Für sich genommen kein großer Schmerz, dennoch reicht er, um sich als Stimme des Zweifels im Kopf festzusetzen. ›Wie soll man die nächsten 34 km aushalten, wenn man jetzt schon eine Blase hat?‹, fragt man sich bang. Im Ziel angekommen, stellt man dann oft fest, man hat eine andere, weit schlimmere Verletzung völlig ignoriert.

Ich trete einen Schritt an sie heran, mein Finger berührt sacht ihre Flanke, gleitet nach unten, bewegt sich hin und her, sanft von einer Seite zu anderen. Bis sich meine Hand über ihren Bauch legt, fühlt, tastet und schließlich verharrt. Nach einer Stille, die mir minutenlang erscheint, fallen die beiläufigen Worte:

»Wir müssen dringend über deine Diät sprechen.« Sie starrt mich an. Sogar durch die Augenbinde spüre ich ihren entsetzten Blick wie Nadelstiche auf meiner Haut. Ich denke: ›Himmel, bin ich ein fieser Sack‹, während meine Hand immer noch tastend auf ihrem Bauch liegt. Ich spüre, wie sie sich verhärtet, zur Salzsäule erstarrt. Wenn ich jetzt noch sage, dass sie einen pickeligen Hintern hat, fängt sie an zu heulen. – Obwohl die beiden winzigen Pickelchen schon längst verschwunden sind.

Wie bei jedem Hirnfick – vielleicht mehr noch als bei anderen sadistischen Handlungen – meldet sich prompt die Geißel eines jeden Sadisten, das schlechte Gewissen. Ich schaffe es aber, es gut das zu ignorieren.

›Ich könnte das den ganzen Tag tun. Meine Sub quälen und ärgern.‹, denke ich und sehe wie sie mit jedem ihrer verfügbaren Sinne jede meiner Regungen verfolgt. Vor ihr stehend, nehme ich ihren Anblick in mir auf, versinke in ihr, sauge sie auf.

Es ist der Duft, der aus ihrer Mitte entspringt. Süßlich herb nebelt er den ›Sadisten mit Restintelligenz‹ ein. Verborgen unter den betörenden Aromen, sendet sie verschlüsselte Botschaften direkt an mein Unterbewusstsein – einen geruchsneutralen Pheromoncocktail. Damit macht sie, wenn auch nur vorläufig, wie ich hoffe, meine Pläne zunichte. Manchmal, frage ich mich, ob sie mich damit fernsteuern kann, je nach Wunsch den Sadisten oder das Tier in mir wachruft oder den anderen Typen, mit dem sie so gern kuschelt. Dann packe ich und werfe sie auf den Tisch. Eigentlich tue nicht ich das sondern der Australopithecus. ›Ich‹ schaffe es allerdings, gerade noch etwas anderes auf den Tisch unter sie zu schmeißen: Eine Handvoll Legosteine.

***

Als ich auf ihr liegend wieder zu mir komme, höre ich ihren hämmernden Herzschlag, oder ist es meiner? Wirklich ohnmächtig war ich natürlich nicht. Aber doch irgendwie weg. Mein Gedankenkarussell hatte eine Ruhephase. Oder es hat sich so schnell gedreht, dass die Bewegung vor dem Hintergrund verschwamm. Um Atem ringend, kleben unsere Körper aneinander, nur in der Mitte scheinen wir auseinander zu gleiten. Ein unangenehmes Gefühl, von ihren Säften geradezu hinaus gespült zu werden, während ich, bzw. ein momentan nicht unwesentlicher Teil von mir, teilweise in sich zusammenfällt. Ich stemme mich instinktiv dagegen, presse meinen Unterleib nach vorn und rufe mir die bildhaften Erinnerungen des Urmenschen vor mein geistiges Auge.

Dass er ein besonders kreativer Liebhaber wäre, kann man beim besten Willen nicht behaupten. Vielmehr ist er einer, der stoisch dem Liebesspiel ausschließlich in seinen Lieblingsstellungen frönt. Davon scheint es einige Dutzend zu geben, die er der Reihe nach durchprobiert. Seinen Wunsch nach Stellungswechsel kommuniziert er – mangels Sprachbegabung – ausschließlich nonverbal, und zwar, indem er unsere Sub kurzerhand in die von ihm gewünschte Stellung bugsiert. Die Frage, ob das für sie angenehm ist, scheint mich – natürlich mich! – in diesen Momenten nicht sonderlich zu interessieren. Ich rücke, ziehe, schiebe und drücke ihren Leib, so wie es mir beliebt. Ich biege ihre Beine nach oben, presse sie nach unten oder spreize sie bis zum Anschlag. Ich klemme sie fest, halte sie, schlage gern auch meine Finger in Fleisch oder Krallen in Haut. Dass sich ihr Hals praktisch in jeder Stellung in Armlänge befindet, scheint mir keinem Zufall, sondern einem evolutionären Vorteil geschuldet, den es noch zu ergründen gilt. Wahrscheinlich irgendwie zusammenhängend mit der Ausschüttung enormer Mengen an Oxytocin und anderer Glückshormone als Folge des Sauerstoffmangels im Hirn. Den Australopithecinen interessieren meine neurologischen Erkenntnisse natürlich nicht im Geringsten, er hält sich und sie einfach nur fest. Der Hals bietet sich da an, zumal es wegen zZ nicht mehr vorhandener Haare an Alternativen in gleicher Reichweite mangelt. Unter normalen Umständen versteht sich Tiffany sehr gut mit ihm, dem Urmenschen. Sie goutiert seine unwirsche und fordernde Natur regelrecht. Jedenfalls, wenn sich nicht gerade Dutzende von Legosteinen in ihre Rückseite bohren.

Trotz der überaus unangenehmen Stellung schaffe ich es, mich gegen das ›Entfleuchen‹ zu stemmen. Die unaufhörlichen Kontraktionen ihrer Muskeln tragen das ihre zu meinem raschen Wiedererstarken bei. Mein nächstes Vorhaben erfordert Vorbereitungen, die sich mit meinem Wunsch, ihr nicht zu entgleiten, nur unter Mühen vereinbaren lassen: Zunächst den Tisch verschieben. Das macht einen Höllenlärm und sorgt für entsprechende Irritationen bei Subbie. Die greife ich mir als Nächstes, zusammen mit dem bereitgelegten Seil. ich ziehe sie an den Schultern nach oben, presse sie an mich, auf meinen Schoss. Dann der schwierige Teil, die Besteigung. Nicht die Eiger Nordwand, nur den Esstisch, Buche geölt und wegen Nässe der Kategorie ›äußerst anspruchsvoll‹ zugehörend. Erst mal umdrehen und meinen nackten Arsch in die Schweißlache tunken. Die Sub fest auf den Schoss ziehen, Beine hoch auf die Tischplatte schwingen und dann auf den Arschbacken im Schneckentempo gen Tischmitte ruckeln, was ihr sehr zu gefallen scheint. ›Was man nicht alles macht, um seinen perversen Lüsten zu frönen.‹ Jetzt Beine anwinkeln, eine Hand, die mit dem Seil, nach hinten zum Abstützen, Subbie festhalten und dann hoch in den Stand. Mit dem zusätzlichen Gewicht gerade so zu schaffen aber ein Balanceakt. ›Warum habe ich Idiot eigentlich mit den Kniebeugen aufgehört?‹, frage ich mich, während ich mich schwankend aufrichte und versuche, auf dem rutschigen Grund nicht den Halt zu verlieren. Immerhin, sie arbeitet gut mit, mit ihren Beinen in meinem Rücken, sich fest gegen mich drückend. Mehr als das kann sie zur Stabilisierung unserer Lage nicht tun. Allerdings gibt es ein stetiges Auf- und Abjuckeln ihrerseits, was ich fürs Erste durchgehen lasse. Die Bewegung spielt sich in der Nähe unseres gemeinsamen Massenmittelpunkts ab und beeinträchtigt unsere Balance nicht. Ihre, in meinen Beinen eingehakten Füße, zwingen mich allerdings zu einem sehr unkomfortablen Watschelgang. ›Eine Fortbewegungsart von  bildhafter Männlichkeit und Dominanz.‹ Meine Haltung dürfte in etwa der Ausgangsstellung eines Sumo-Ringers entsprechen, mit ihr auf meinen Oberschenkeln kauernd. Gerade noch so in der Mitte verbunden, bei jedem Schritt drohe ich, ihr zu entgleiten. ›Sicherlich geben wir ein Bild vollendeter Harmonie ab‹, denke ich noch, als mein Hirn sich diversen schmerzhaften Empfindungen zuwenden muss. Legosteine unter meinen Füßen, mal wieder. ›Der Running Gag des Tages.‹ Ich habe aber Glück im Unglück, bin nicht mit der Ferse hineingetreten, sondern ›nur‹ mit den Fußballen und der Sohle. Vielleicht ist es auch so, dass ich den Schmerz wegen der reichlich  zirkulierenden Glücks- und Stresshormone als weniger schlimm empfinde. Ich lasse mich davon jedenfalls nicht beirren.

Das Seil muss über den Kehlbalken und durch die beiden seitlich eingeschlagenen Karabinerhaken. Dazu muss ich mich weit nach oben strecken und das wiederum interpretiert meine Sub völlig falsch, anders ist das heftige Juckeln in meinem Schoß nicht zu erklären. »Kannst du mal stillhalten!«, zische ich atemlos, während ich das Seilende in den zweiten Karabiner zu fädeln versuche. Subbie ficht das nicht an. Sie reibt und drückt, juckelt und ruckelt. Im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten fickt sie sich regelrecht selbst auf mir. Meine Lage, die sie trotz eingeschränkter Sinne zweifellos richtig einschätzt, nutzt sie erst einmal schnell und schamlos aus. Danach kann man ja weiter sehen.‹ Das ärgert mich nicht. Sie tut, was sie tun muss. Ist gefangen in einem Paralleluniversum, wo nichts existiert außer ihrer Lust.

Endlich ist das Seil durch und ich lasse mich langsam auf die Knie sinken, das Seilende mit mir nach unten ziehend. Dummerweise fällt mir nichts Besseres ein, als mich einfach nach hinten fallen zu lassen. Und muss mir anschließend noch einige Legos aus den Hinterbacken ziehen. Durch das ganze Geruckel, ist sie fast soweit. Ich muss sie zurückholen und das schnell.

Ihr Kopf fliegt nach links, nach rechts und dann wieder nach links. Es ist nicht so, dass ich bei Schlägen ins Gesicht eine besondere Lust empfinde, aber ich bin lange nicht mehr so weich. Früher, bei den ersten Ohrfeigen hatte ich mich noch verstohlen umgesehen, fast damit gerechnet, dass jeden Moment eine Frauenbeauftragte hinter dem Vorhang hervor springt und einen Vortrag über häusliche Gewalt hält. Jetzt warte ich einfach, gebe dem Wasser Zeit, kleine Rinnsale auf ihren roten Wangen zu bilden und bedauere, dass ich wegen der Augenbinde das grüne Glühen ihrer Augen nicht sehe.

»Willst du mich reiten?«, frage ich rhetorisch.  Sie nickt hastig, wohl wissend, dass sie für diese Stellung, die nicht zu meinen Favoriten zählt, einen Preis zu entrichten hat. Noch die Augenbinde runter und der Ritt kann beginnen.


Ich genieße sie in all ihrer Schönheit. Tiffany, meine Luxus-Sub. Es war wohl die Augenbinde, die mich an eine Szene in ›Frühstück bei Tiffany‹ erinnert hat. Daher also der Name. Holly Golightly konnte ich sie nicht nennen, mein Unterbewusstsein weigert sich, ihr den Namen einer Dirne zu geben, auch nicht den einer überaus attraktiven und liebenswerten. Tiffany also. Wie sie sich müht, schwitzt und kämpft.

Wie ein Marionettenspieler kontrolliere ich sie mit dem Seil. Das eine Ende ist um ihren Hals geschlungen. Das andere halte ich wie einen Zügel in meiner Hand, gebe nach oder ziehe, je nach Bedarf. Halte sie in einem Schwebezustand von Lust, Agonie und Atemnot. Ich drücke mein Becken nach oben oder entziehe mich nach unten, hole sie mit kurzen Schmerzimpulsen zurück, wenn sie sich zu weit von mir entfernt.

Mich selbst muss ich dabei zurücknehmen, kann mich nicht gehen lassen, wenn sie am improvisierten Galgen hängt. Aber ihr Anblick entschädigt mich für die Verzögerung. Das verkniffene Gesicht, die aufeinander gepressten Lippen, die perlenden Tropfen auf ihrer Stirn. ›Tiffany Tausendmaltausendschön‹, die sich erzwungenermaßen zur eigenen Luststeigerung selbst foltert. Bis ich sie erlöse, sie gehen lasse, kommen lasse. Sie krampft und verhärtet sich, jeder Muskel wird sichtbar. Am Bauch zeichnet sich sogar die Andeutung eines Sixpacks ab, wenn sie sich nach hinten biegt, um sich gleich darauf den Zug des Seils ignorierend nach vorn zu schmeißen. Und dann bin ich es der gezeichnet wird, als sie ihre samtweißen Krallen in mich schlägt und ein Muster hinterlässt, das mich eine Weile begleiten wird.

***

Dann ruht sich auf mir aus, ist längst vom Galgen, Fesseln und Augenbinde befreit. Aneinander geschmiegt schwimmen wir auf der Tischplatte.

Dann sitzt sie auf mir, blickt auf mich herab. Ihre Hände gleiten spielerisch über meinen Bauch.

»Sag mal, mit deinem Sixpack ….«, sie zögert und mir wird klar, dass ich die 100-Worte-Regel für heute vergessen kann. Es sei denn, ich verzichte auf die Zählung der kehligen, Liebesbeteuerungen ›danach‹. Waren wir bei 86? Bei 83? Keine Ahnung! Dermaßen in meine Überlegungen vertieft, trifft mich der punktgenaue, von oben geführte Schlag direkt unterhalb meiner Rippen völlig unvorbereitet. Wie ein Messer klappe ich in der Mitte zusammen. Durch einen Nebel von Schmerz sehe ich sie sprechen, höre aber die Worte nicht. »Unsere … Methode … bestens … Kommunikations … Therapie …«, stammele ich um Atem ringend. Sie grinst auf mich herab.

»Ich sagte, dass du dringend dein Trainingsdefizit aufholen musst. Dein Sixpack scheint … na ja … Ich glaube, du hast es vernachlässigt, mein Lieber.« sagt sie feixend.

»Ja, ja … schon gut«, japse ich, frage mich tatsächlich und nicht gänzlich uneitel, ob da was dran sein könnte. Doch bin ich auch dankbar, irgendwie jedenfalls. Diese Retourkutsche wegen meines vorherigen Angriffs auf ihre imaginären Problemzonen habe ich mir redlich verdient. Zumal sie mit einem Schlag eine wochenlange Auseinandersetzung, ob oder ob nicht meine Behauptung ’sie habe eine Diät nötig‘ einen ernsten Hintergrund hat, überflüssig macht. ›Ich sollte unsere nonverbale Methode in einem Forum für Kommunikationstherapie oder Eheberater vorschlagen‹, denke ich in einem Anflug morbiden Humors. ›Eheberatung …?‹ – ›… Ehe …‹, hallt es es in mir. Ein glasklarer Gedanke, der spontan auftaucht. Gänzlich unspontan denke ich ihn schnell zu Ende ohne Einwände zu finden. Während ich mich mühsam aufrichte, zischen diverse Ideen durch mein Hirn. Ich sehe mich, am Fallschirm hängend, mit Rauchpatronen bunte Heiratsanträge an einen blauen Himmel malend. Derlei pseudoromantischen Unfug verwerfe ich, blicke sie an und verkünde meine Entscheidung in meiner besten dulde-keinen-Widerspruch-Stimme, die im krassen Widerspruch zu dem nervösen Pochen in meiner Halsschlagader steht:

»Tiffany, Schatz, wir werden heiraten. Bald!«

ENDE


Das Titelfoto für diesen Beitrag wurde mir freundlicherweise
von Thomas Mattern zur Verfügung gestellt.

 

Mehr von Thomas Mattern findet ihr in seiner Galerie unART-Fotokunst.

Vielen Dank auch an die Models Boetia und Baal für die Erlaubnis ihr Bild nutzen zu dürfen.


 

Ein Gedanke zu „Lego“

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