Chitin 18

Achtzehn

Leena betrachtete nachdenklich die Aufzeichnungen der Berichte an die Erde. Beim Näherkommen hatte der Planet keinen besseren Eindruck gemacht. Er hatte sich als relativ wasserarm entpuppt, was auf ein kontinentales Klima mit großen Temperaturschwankungen schließen ließ. Auch die Vegetation war nicht wirklich üppig. Bewuchs gab es fast nur entlang der Flüsse. Und just dort war auch die beherrschende Lebensform dieser Welt in großer Zahl ansässig.

Und die Männer hatten in bester Konquistadorenmanier nichts Eiligeres zu tun gewusst, als ohne genaue Erkundung viel zu nahe bei den Formiciden zu landen, um von diesen zerfetzt zu werden. Ivan und sie hatten nicht genau gesehen, was passiert war, da die Santa Maria bereits hinter dem Horizont war, als die Fähre landete, aber das Trümmerfeld am Landeplatz hatte eine deutliche Sprache gesprochen.

Wütend und verzweifelt zugleich schlug Leena mit aller Kraft auf die Konsole, bis ihre Fäuste blutig waren. Was sollte sie nur tun? Sie war der letzte Mensch im Umkreis von vierhundert Lichtjahren.

›Nein!‹, durchfuhr es sie plötzlich. Sie war durchaus nicht der letzte Mensch. Tausende von tiefgefrorenen Embryonen waren mit ihr an Bord. Kinder, deren Eltern sie der ›Santa Maria‹ anvertraut hatten, um ihnen ein besseres Leben zu bieten, als es auf der Erde möglich gewesen wäre. Es war kein Problem, sie aufzutauen und in den Brutkästen zur Lebensreife heranwachsen zu lassen. Bis zu fünfzig auf einmal. Doch dann wären es immer noch hilflose Babys. Und wo sollten sie aufwachsen? Bestimmt nicht in der Schwerelosigkeit. Das hatte man ihnen eingeschärft. In der Schwerelosigkeit würden sie sich nicht normal entwickeln. Sie würden zu Krüppeln.

Es gab nur zwei Möglichkeiten: Das Schiff wieder in Beschleunigung zu versetzen, um künstlich Schwerkraft zu erzeugen, oder auf den Planeten zu gehen. Dieser Planet war lebensfeindlich für Menschen. Also wegfliegen? Aber wohin? Sie durfte nicht zu lange warten. Sie wäre die einzige Erwachsene zwischen vielen Kindern. Wer weiß, wie lange sie noch genug Kraft für eine solche Aufgabe haben würde? Mindestens zwölf, vierzehn Jahre lang wären die Kinder auf sie angewiesen. Und wenn sie krank würde? Wenn ihr etwas zustieße? Auf einer Planetenoberfläche wären die Chancen der Kinder wohl eher höher, als in einem Raumschiff, das sie nicht bedienen konnten. Aber dieser Planet hier würde sie wohl umbringen.

Sie kam zu keinem Schluss. Sie würde erst darüber schlafen müssen. »Computer!«, rief sie mit befehlender Stimme.
»Bereit«, meldete sich die KI prompt.
»Melde mich beim Kommandanten«, befahl sie.
Höchstens eine Millisekunde lang zögerte die KI, bevor sie antwortete: »Der Kommandant ist nicht an Bord und ich kann ihn nicht erreichen.«
»Wer ist das ranghöchste Besatzungsmitglied an Bord?«
Erneut ein kaum merkliches Zögern. Dann: »Sie, Kajira Leena.«
»Wie lauten die Anweisungen, wenn der Kommandant mehr als 24 Stunden lang nicht erreichbar ist?«
Diesmal kam die Antwort sofort: »Das ranghöchste Besatzungsmitglied kann verlangen, zum Kommandanten ad Interim ernannt zu werden, sofern die anderen Besatzungsmitglieder keinen Widerspruch einlegen. Falls sie Widerspruch einlegen, muss eine Wahl durchgeführt werden.«
»Sehr gut!«, lobte Leena, obwohl sie wusste, dass das elektronische Ego der KI kaum für Lob empfänglich war. Sie fuhr fort: »Ich bin das ranghöchste Besatzungsmitglied und verlange, dass ich zum Kommandanten ernannt werde. Gibt es Widerspruch dagegen?«
»Nein. Kajira Leena ist bis zum Eintreffen eines ranghöheren Besatzungsmitglieds Kommandant der Santa Maria«, bestätigte der Bordcomputer.
»Gut. Synth, mach mir einen Whisky«, befahl Leena erleichtert.
»Kajiras ist der Genuss von Alkohol verboten«
»Verdammte Mistkiste!« Leena verdrehte die Augen und sagte mit deutlicher Stimme: »Computer, alle Beschränkungen, die Kajiras betreffen, sind ab sofort aufgehoben.«
»Beschränkungen durch Anordnung des Kommandanten aufgehoben«, bestätigte die KI, und wirklich schenkte der Synth jetzt widerstandslos recht gut schmeckenden und spürbar sehr alkoholhaltigen Whisky aus.
»Noch etwas«, ergänzte Leena, nachdem sie das Glas in einem Zug geleert hatte, »Leena ist keine Kajira mehr. Statusbezeichnung entfernen. Klar?«
»Status geändert«, bestätigte die KI. Kleinlaut, wie Leena fand. Obwohl ein elektronisches Ego eigentlich nicht kleinlaut sein konnte. Aber man wusste ja nie, dachte sie, und ließ sich noch ein zweites Glas einschenken. »Ich bin keine Kajira mehr«, kicherte sie, »ich bin die Kommandantin der Santa Maria.« Dann orderte sie ein drittes Glas Whisky. Und dann ein Viertes. Und dann zählte sie nicht mehr.

 


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